Das faschistische Regime geht immer entschiedener gegen Abweichler und politische Gegner vor. Laut dem Pariser Temps wird seit Beginn des Jahres eine groß angelegte Säuberung der faschistischen Organisationen betrieben, die nun einen neuen Höhepunkt erreicht hat.[1] Kürzlich wurden ein ehemaliges Parteimitglied namens Calza Bini sowie etwa dreißig weitere von ihren Führern verstoßene Faschisten verhaftet.[1] Ganze Spalten der Parteipresse sind mit den Namen der Ausgeschlossenen gefüllt, denen Ungehorsam, Subversion oder unliebsame Pressekampagnen vorgeworfen werden.[1]

Diese aus den Reihen des Faschismus Ausgeschlossenen stehen unter strengster polizeilicher Überwachung.[1] Sie werden in ständiger Unruhe gehalten. Die Atmosphäre, die hierbei erzeugt wird, erinnert an die Herrschaft des venezianischen Rates der Zehn.[1] Wie unnachgiebig die Diktatur vorgeht, zeigt sich daran, dass mit General Capello ein verhafteter Mitwisser des Zaniboni-Komplotts, der einst ein ranghoher Kommandant der faschistischen Schwarzhemden war, nicht verschont blieb.[1]

Augusto Turati, der Nachfolger Farinaccis im Amt des Parteisekretärs, hielt in diesen Tagen vor 15.000 Zuhörern in Quinzano d'Oglio eine Rede, die keinen Zweifel an der Strenge des derzeitigen Kurses ließ.[1] Er beklagte die Justiz als zu langsam und forderte raschere Verfahren für Attentäter wie Zaniboni und die Britin Gibson.[1] Letztere, so befürchtet Turati, könnte von Sachverständigen für unzurechnungsfähig erklärt werden, um so einer lebenslangen Haft zu entgehen.[1] Turati verlangte unverhohlen, die Todesstrafe rückwirkend einzuführen; deren Vollstreckung solle nicht nur politische Feinde, sondern auch die sogenannten ‚falschen Faschisten‘ und Spekulanten treffen, die nach seiner Ansicht den Staat ruinieren.[1]

Im Ausland werden inzwischen weitere Einzelheiten über die Methoden des Regimes bekannt.[2] Dem Hamburger Echo zufolge veröffentlichen emigrierte ehemalige Weggefährten Mussolinis in Brüssel schwere Vorwürfe.[2] In diesen Berichten wird dargelegt, dass der im März 1923 geschehene Einbruch in die deutsche Botschaft in Rom offenbar auf Mussolinis eigene Veranlassung erfolgte. Ziel war es, belastende Dokumente zu entwenden.[2] Die damals vom deutschen Botschafter ertappten Täter waren ein Hauptmann der Carabinieri und ein Polizeikommissar — ein Ereignis, das an die finstersten Zeiten der Camorra gemahnt.[2]

Trotz solcher Skandale im Innern wie im Ausland findet Mussolini auf dem diplomatischen Parkett weiterhin namhafte Unterstützer.[1] Nach den jüngsten Gesprächen in Livorno betonte der britische Außenminister Austen Chamberlain, dass England das faschistische System zwar für sich ablehne, er dem Diktator jedoch große Charakterstärke und Patriotismus bescheinige.[1] Die liberale englische Daily News wirft Chamberlain angesichts solcher Worte eine gefährliche Gutgläubigkeit vor.[1]