Der preußische Ministerpräsident Otto Braun hat heute in den Mittagsstunden den bisherigen Berliner Polizeipräsidenten Albert Grzesinski zum Staatsminister und neuen Minister des Innern ernannt.[1][2] Diese Entscheidung fiel, während die Fraktion der Sozialdemokraten noch tagte und sich einstimmig für Grzesinski aussprach.[2] Der bisherige Ressortchef Karl Severing hatte den Ministerpräsidenten zuvor aus gesundheitlichen Gründen gebeten, ihn von seinen Pflichten zu entbinden.[1][2] Braun konnte sich diesem dringenden Ersuchen des schwer erkrankten Ministers nicht länger verschließen.[1]
In einem überaus herzlichen Dankschreiben würdigte Braun die erheblichen Verdienste des Scheidenden. Der Regierungschef betonte, dass Severing sein Amt sechs Jahre hindurch unter Einsetzung seiner ganzen Person und mit vorbildlicher Gewissenhaftigkeit geführt habe.[1][3] Was der Minister in dieser bewegten Epoche für die innere Befriedung Preußens, für die Festigung der Staatsautorität und für den Ausbau einer neuzeitlichen Verwaltung geleistet habe, gehöre fortan der Geschichte an.[1][3] Dem pflichtet auch das Hamburger Echo bei, das in seinem Leitartikel hervorhebt, der preußische Staat sei in den vergangenen sechs Jahren unter Severings Führung zum sicheren Rückgrat der deutschen Republik geworden.[4] Severing, der einst als Vertrauensmann der Bielefelder Metallarbeiter begann, beabsichtigt nun, zunächst zur Erholung in seine westfälische Heimatstadt zu reisen. Danach will er über einen Kuraufenthalt im Süden entscheiden.[2][4]
Der Abschied dieses untadeligen Politikers löst in republikanischen Kreisen Bedauern aus, während die politische Rechte das Ereignis mit Genugtuung zur Kenntnis nimmt.[4] Wie das Hamburger Echo bemerkt, verbucht die nationalistische Presse, allen voran die Hamburger Nachrichten, den Rücktritt als späten Erfolg ihrer anhaltenden Angriffe gegen den sozialdemokratischen Minister.[4] Severing stand wie kaum ein anderer im Mittelpunkt persönlicher und politischer Angriffe, die bis hin zu Verleumdungen im Falle Bacmeister-Schlichting reichten.[2] Der Minister reagierte auf solche Attacken meistens mit Ruhe, Klarheit und westfälischem Humor.[2] Die konservative Kritik richtete sich weniger gegen die Person Severing als vielmehr gegen das sogenannte ‚System Severing‘, das die konsequente Republikanisierung der zuvor vielfach noch monarchistisch geprägten Verwaltung bedeutete.[2][4] In parlamentarischen Kreisen hofft man, dass der scheidende Minister nach seiner Genesung wieder eine führende Rolle in der preußischen Politik übernehmen kann.[2]
Mit Albert Grzesinski übernimmt nun ein Mann die Leitung der inneren Verwaltung, der eine klassische Laufbahn in der Arbeiterbewegung durchlaufen hat. Der gebürtige Pommer wurde am 28. Juli 1879 in Treptow an der Tollense geboren und erlernte in Berlin das Handwerk des Metalldrückers.[1][3] Seine Wanderjahre führten ihn über Leipzig und Frankfurt am Main nach Offenbach. Dort wurde er 1906 Geschäftsführer im Deutschen Metallarbeiterverband.[1][3] Eine entscheidende politische Prägung erfuhr Grzesinski ab 1907 in Kassel.[1] Dort engagierte er sich in der Kommunalpolitik, wurde Stadtverordnetenvorsteher und übernahm nach dem Zusammenbruch im November 1918 den Vorsitz des örtlichen Arbeiter- und Soldatenrates.[1][3] Seine ministerielle Laufbahn begann im Juni 1919 als Unterstaatssekretär im preußischen Kriegsministerium.[1][2] Nach einer Tätigkeit als Reichskommissar für das Abwicklungsamt wurde er im November 1922 Präsident des preußischen Landespolizeiamtes. Severing berief ihn im Mai 1925 an die Spitze der Berliner Polizei.[1][2]
Durch das Aufrücken Grzesinskis in das Ministeramt ergeben sich bedeutsame Personalfragen, mit denen sich das preußische Kabinett in naher Zukunft auseinandersetzen muss.[2] Besonders dringlich ist die Neubesetzung des Berliner Polizeipräsidiums. Nach Angaben der Badischen Presse und des Vorwärts richtet sich dabei das Augenmerk auf das Rheinland.[1][3] Als aussichtsreichster Kandidat gilt der amtierende Kölner Polizeipräsident Zörgiebel, der ebenfalls der sozialdemokratischen Partei angehört und in Köln seinerzeit den dorthin strafversetzten Polizeipräsidenten Runge ablöste.[3][2] Außerdem steht eine bedeutsame Veränderung im Innenministerium an: Der rechtsgerichtete Staatssekretär Dr. Meister wird voraussichtlich ausscheiden. Nach dem Berliner Tageblatt soll an seine Stelle der bisherige Ministerialdirektor Abegg treten.[3][2]
Schließlich kursieren in der Reichshauptstadt Gerüchte über weitere personelle Veränderungen im Polizeiapparat. Verschiedene Berichte behaupten, der bisherige Berliner Vizepolizeipräsident Dr. Friedensburg stehe vor einer Versetzung nach Stettin.[3] Dort soll er angeblich den Posten des Polizeipräsidenten übernehmen, was eine Beförderung bedeuten würde.[3] Dieser mögliche Schritt wird von Eingeweihten mit einem kürzlichen Konflikt zwischen Dr. Friedensburg und dem Büro des Reichspräsidenten von Hindenburg in Verbindung gebracht.[3] Solche Personalwechsel zeigen, dass die preußische Staatsregierung entschlossen ist, den administrativen Apparat weiterhin im republikanischen Sinne zu führen.[3][4]