Die Entscheidung ist gefallen. Nach Tagen höchster politischer Spannung, in denen das Schicksal der deutschen Heeresleitung auf des Messers Schneide stand, hat Reichspräsident von Hindenburg das Abschiedsgesuch des Generalobersten von Seeckt genehmigt.[1] Wie amtlich mitgeteilt wird, vollzog das Staatsoberhaupt diesen Schritt unter wärmster Anerkennung der hervorragenden Dienste, die der Generaloberst in Krieg und Frieden dem Vaterlande sowie dem Heere geleistet habe.[1] Hindenburg empfing Seeckt heute erneut, um ihm seinen Dank nochmals persönlich zum Ausdruck zu bringen.[1]

Diesem Beschluss gingen dramatische Stunden voraus. Entgegen der allgemeinen Erwartung war am gestrigen Donnerstag noch keine Entscheidung über das Schicksal des Reichswehrchefs getroffen worden.[2] Am Nachmittag hatte der Reichspräsident den Generalobersten abermals empfangen, um sich dessen unverständliches Verhalten in der Manöveraffäre um den Hohenzollernprinzen im Detail erklären zu lassen.[2] Soweit aus unterrichteten Kreisen verlautet, missbilligte Hindenburg bei dieser Gelegenheit das Vorgehen Seeckts gegenüber Reichswehrminister Geßler auf das Schärfste.[2] In den Abendstunden bat der Präsident sodann den Minister zu sich. Dieser zeigte für die Unmöglichkeit der Handlungsweise der Heeresleitung volles Verständnis.[2] Heute Vormittag schließlich, zwischen halb zehn und halb elf Uhr, weilte Reichskanzler Dr. Marx zu einer letzten Besprechung beim Reichspräsidenten.[3] Unmittelbar danach wurde die Entlassung rechtskräftig.[1]

Der Anlass für den Sturz des mächtigsten Militärs der Republik war die sogenannte Münsingen-Affäre. Der Generaloberst hatte dem ältesten Sohn des ehemaligen Kronprinzen gestattet, als Leutnant an den Manövern des 9. Infanterieregiments in Münsingen teilzunehmen.[1][4] Das Reichswehrministerium hatte von dieser Maßnahme keine Kenntnis; Minister Geßler erfuhr erst aus der Presse von der Anwesenheit des Prinzen.[1] Wie zuständige Stellen nun betonen, sind Nachrichten abwegig, wonach das Ministerium die Angelegenheit anfänglich dementiert und sich in Widersprüche verwickelt habe.[1] Bereits am Montag vergangener Woche hatte die Presse den Vorfall aufgegriffen. Daraufhin musste der Regimentskommandeur die Teilnahme des Prinzen als Manövergast offen eingestehen.[1]

In deutschnationalen und völkischen Kreisen wurde sogleich versucht, den Rücktritt Seeckts mit angeblichen ausländischen Machenschaften in Verbindung zu bringen.[1] Man konstruierte einen Zusammenhang mit Forderungen der früheren Interalliierten Militärkontrollkommission.[1] Von maßgeblicher Regierungsseite wird dieses Gerücht jedoch energisch als haltlos zurückgewiesen.[1] Die militärische Stellung dem Ausland gegenüber sei bereits im November 1925 endgültig geregelt worden.[1] Zwar lief im Juli 1926 noch eine Note der Kontrollkommission ein, doch diese befasste sich ausschließlich mit der Position des Generalinspekteurs der Armee und basierte auf der irrigen Annahme, eine Verordnung von 1919 sei noch in Kraft.[1] Diese Frage war längst geklärt, da Seeckt sein Amt als Chef der Heeresleitung bereits zu diesem Zeitpunkt ausübte.[1] Ausländischer Druck scheidet daher als direkte Ursache für den aktuellen Ministerkonflikt aus.[1]

Vielmehr ist der eklatante Verstoß gegen die Grundlagen der republikanischen Ordnung die Ursache dafür, dass Seeckts Position im Innern unhaltbar wurde. In der deutschen Presse tobt ein beispielloser Kampf um die Deutung des Vorfalls. Blätter wie die Hamburger Nachrichten oder die Tägliche Rundschau versuchen, die Teilnahme des Prinzen als reine Bagatelle hinzustellen und sprechen von einem „fanatischen Republikanertum“, das besinnungslos sein Opfer fordere.[5] Die Deutsche Tageszeitung besaß sogar die Kühnheit, sich auf das Ideal der Demokratie zu berufen, das doch jedem — ob Prinz oder Arbeiter — sein Recht lassen müsse, sich in der Armee zu betätigen.[5]

Das Hamburger Echo weist diese Heuchelei der Rechtsblätter mit Empörung zurück.[5] Die demokratische Linke gesteht ein, dass es in den kritischen Jahren 1919 und 1920 Republikaner gegeben habe, die solchen rechtsgerichteten Appellen Vertrauen schenkten.[5] Wer in den Stunden der eigenen Macht die Demokratie verhöhnt habe, dürfe sie in den Stunden der Not nicht plötzlich als Schutzschild beschwören.[5] Wer die Republik mit ihren eigenen Methoden zur Feigheit verleiten wolle, den müsse die Staatsmacht zur Seite stoßen.[5] Für das sozialdemokratische Lager steht fest: Monarchisten haben in der Reichswehr unter keinen Umständen etwas zu suchen.[5] Die Zeit für eine Machtprobe mit der eigenmächtigen Reichswehrführung sei nun gekommen.[5]

Mit hoher Aufmerksamkeit wird der Sturz Seeckts derweil in Paris verfolgt. Dort wertet man das Ereignis als einen Sieg des zivilen Staates über die militärische Kaste. Der Figaro sieht in dem Vorfall einen klaren Beweis für das Fortbestehen monarchistischer Gesinnungen in Deutschland.[4] Es sei bezeichnend, dass Seeckt, dessen republikanische Loyalität bisher kaum offen angezweifelt wurde, den Friedensvertrag ignorierte, der ausschließlich zwölfjährig dienende Soldaten erlaube.[4] Das Pariser Blatt erinnert in diesem Zusammenhang an ein Schreiben, das Reichspräsident von Hindenburg im vergangenen Juni an den ehemaligen preußischen Minister von Loebell gerichtet hatte.[4] Darin habe sich das Staatsoberhaupt für eine Entschädigung der ehemals regierenden Fürstenhäuser ausgesprochen, was im Ausland erhebliche Zweifel an der aufrichtigen republikanischen Gesinnung der deutschen Funktionäre geweckt habe.[4]

Sechs Jahre lang, so führt der Figaro weiter aus, sei der Chef der Heeresleitung nahezu unantastbar gewesen.[4] Regierungen kamen und gingen, niemand wagte es, den Organisator einer möglichen heimlichen Revanche zur Verantwortung zu ziehen.[4] Seeckt habe die Kommissionen umgangen und eine Methode entwickelt, durch die er die Nachbarstaaten militärisch übertreffen wollte: Er bildete einen elitären Generalstab von Technikern, der künftig als Kader für die in vaterländischen Verbänden organisierten Massen dienen sollte, und ordnete die Industrie im Hinblick auf eine mögliche Mobilmachung an.[4] Dass die Politik diese Institution nun infrage stellen könne, ohne den Staat zu gefährden, sei bemerkenswert.[4]

In eine ähnliche Richtung urteilt der Temps.[6] Es sei undenkbar gewesen, dass Hindenburg und das Kabinett Marx einen militärischen Akt von derartiger politischer Tragweite ohne Folgen gelassen hätten.[6] Ein Zögern hätte eine moralische Komplizenschaft der Republik mit ihren monarchistischen Gegnern offenbart.[6] Weder das Zentrum noch die Sozialdemokraten hätten einer Regierung das Vertrauen belassen können, die gegenüber den Ansprüchen der Hohenzollern Schwäche gezeigt hätte.[6] Wenn Deutschland im Ausland nicht nur als demokratische Fassade erscheinen solle, hinter der reaktionäre Elemente die Restauration vorbereiten, so sei Seeckts Abgang geboten.[6] Die Demission, so schließt der Temps seine Betrachtung, komme für die Locarno-Politik des Außenministers Stresemann im denkbar günstigsten Moment.[6] Sie werde die Klärung letzter Abrüstungsfragen erleichtern und biete der Berliner Regierung die einmalige Chance, den republikanischen Geist innerhalb der Truppe zu verankern.[6]