Die deutsche Wirtschaftsdelegation ist am Freitag in der britischen Hauptstadt eingetroffen, um in den kommenden Tagen weitreichende informelle Gespräche mit Vertretern der englischen Industrie zu führen. Nach einem Mittagessen bei dem deutschen Botschafter Sthamer empfingen die Abgesandten am Nachmittag im Hotel Carlton die internationale Presse. Am Abend reisten sie nach Romsey in der Grafschaft Hampshire ab.[1][2] Dort verweilen die Deutschen über das Wochenende auf dem Landsitz Broadlands als Gäste des britischen Transportministers, Oberst Ashley.[1][2]
Die elfköpfige deutsche Delegation steht unter der Leitung von Geheimrat Carl Duisberg und vereint einige der einflussreichsten Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft.[3][2] Zur Gruppe zählen unter anderem der frühere Reichskanzler Wilhelm Cuno als Vertreter der Hapag, der Direktor der Deutschen Bank Max von Wassermann sowie Ernst von Simson, der für die chemische Industrie spricht.[2] Auf britischer Seite nehmen zwölf führende Industrielle an den Konferenzen teil. Den Vorsitz wird voraussichtlich der frühere Schatzkanzler Sir Robert Horne führen.[3][2] Zu den englischen Gastgebern gehören laut Pariser Figaro der Präsident des Industrieverbandes Sir Max Muspratt, der Vorsitzende der Grubenbesitzer Evan Williams und der Direktor der Barclays Bank, Frederick Goodenough.[3]
Die Zusammenkunft dient in erster Linie der Annäherung. Beim Presseempfang im Carlton betonte Carl von Weinberg, dass die Reise nicht als rein geschäftliche Mission, sondern als Geste des guten Willens zu verstehen sei.[2] Der Hauptgrund für das Treffen sei der feste Wille, das gegenseitige Vertrauen zwischen der britischen und der deutschen Wirtschaft wiederherzustellen.[1] Weinberg warnte, dass Amerika den Europäern die wirtschaftliche Führung aus der Hand nehmen werde, falls diese nicht zu einer Verständigung bereit seien.[1] Geheimrat Kastl ergänzte, dass es keine fest umrissene Tagesordnung gebe. Im Mittelpunkt stehe eine allgemeine, freundschaftliche Aussprache.[2] Die deutsche Delegation beabsichtigt außerdem, die englischen Vertreter in naher Zukunft zu einem Gegenbesuch einzuladen.[1]
Allgemeine Bündnisse sind noch nicht in Sicht. Eine konstruktive Zusammenarbeit zeichnet sich jedoch insbesondere im chemischen Sektor ab.[1] Die seit Längerem andauernden Verhandlungen zwischen dem britischen Farbentrust und der deutschen Interessengemeinschaft dürften bei einer gesonderten Unterredung zwischen Geheimrat Duisberg und Sir Max Muspratt vertieft werden.[1] Im Bergbau und in der Schwerindustrie gestaltet sich die Lage hingegen weniger aussichtsreich. Eine Kooperation mit der englischen Kohlenindustrie gilt vorläufig als unmöglich, da auf britischer Seite eine zentrale Verkaufsorganisation fehlt.[1] Auch eine englische Beteiligung am europäischen Stahlpakt wurde abgelehnt.[1] Die britische Wochenzeitung hebt hervor, dass in Wirtschaftskreisen des Landes weiterhin eine starke, traditionelle Abneigung gegen internationale Bindungen besteht.[1] Das Londoner Blatt folgert, der Wandel der Welthandelsbedingungen werde diese ablehnende Haltung auf Dauer vermutlich schwächen.[1]