Der Machtkampf im sowjetischen Staatsapparat nähert sich unweigerlich einem Höhepunkt. Die Führung der Kommunistischen Partei bereitet den entscheidenden Schlag gegen die sogenannte ‚Linke Opposition' vor. Dem Figaro zufolge hat das Politbüro den formellen Beschluss gefasst, die Oppositionsführer Leo Trotzki und Grigori Sinowjew vor ein Disziplinargericht zu stellen.[1] Dieses Tribunal soll bereits am 20. Oktober zusammentreten.[1] Die staatliche Nachrichtenagentur Tass bestätigt den drastischen Kurswechsel und meldet, dass das Zentralkomitee sowie die Zentrale Kontrollkommission der Partei sich in einer Sondersitzung mit der Angelegenheit befassen werden.[2] Den prominenten Angeklagten Trotzki, Sinowjew und Pjatakow wird zur Last gelegt, das strikte Verbot öffentlicher Diskussionen missachtet und die Fraktionsbildung innerhalb der Partei aktiv gefördert zu haben.[2]

Während das formelle Parteiverfahren vorbereitet wird, greift der Staatsapparat im ganzen Land bereits zu scharfen Repressionen. Die Badische Presse meldet, dass die Geheimpolizei GPU in Leningrad, Omsk und Odessa groß angelegte Razzien durchführte, bei denen über 400 oppositionelle Parteimitglieder verhaftet wurden.[3] In der Industriestadt Iwanowo-Wosnessensk spitzte sich die Lage während einer Arbeiterversammlung so sehr zu, dass es zu schweren Zusammenstößen kam. Die GPU löste die Versammlung schließlich gewaltsam auf.[3] Noch ernster ist die Situation in der Roten Flotte. In der Festung Kronstadt sah sich die militärische Führung gezwungen, zwei Marineregimenter aufzulösen, da sich die Matrosen offen zur Opposition bekannten.[3] Die Matrosen forderten außerdem in ultimativem Ton die Ernennung des früheren Marinechefs Soss (Eduard Zof) zum Oberbefehlshaber der Baltischen Flotte.[3] Nach Angaben der Auslandspresse ist dieser ehemalige Befehlshaber weiterhin als Mitglied des Kronstädter Festungsrates tätig und gilt als lokaler Anführer der Trotzkisten.[2]

Trotz dieser Welle der Unterdrückung bildet sich der Widerstand weiter heraus. Aus dem Hufvudstadsbladet geht hervor, dass sich die verschiedenen Gruppierungen um Trotzki, Sinowjew, Pjatakow, Sapronow, Radek und Smilga faktisch zu einem geschlossenen oppositionellen Block zusammengeschlossen haben, getragen von dem gemeinsamen Ziel, der Parteimehrheit entgegenzutreten.[2] Ihr Rückhalt ist beachtlich: Die Opposition verzeichnet starken Zulauf in Moskau, im umliegenden Gouvernement sowie bei der Marine in Kronstadt. Auch in der Ukraine und in Weißrussland verfügt sie über beträchtliche Unterstützung.[2] Ein Versuch Sinowjews, mithilfe seiner früheren Stellung in Petersburger Fabriken offene Agitation zu betreiben, blieb jedoch erfolglos.[2] Die dortige Parteiorganisation sicherte dem Zentralkomitee unmissverständlich ihre Treue zu.[2] Angesichts der Stärke der Opposition verhält sich Josef Stalin taktisch vorsichtig. Ein Teil seiner eigenen Fraktion hat die sofortige und vollständige Ausschließung Sinowjews und Trotzkis aus der Partei beantragt.[3] Stalin soll sich jedoch ausdrücklich dagegen ausgesprochen haben. In politischen Kreisen rechnet man stattdessen eher mit einer Verbannung der festgenommenen Anführer nach Sibirien.[3]

Diese Zurückhaltung des Generalsekretärs gegenüber den Hauptfiguren entspringt offenbar der Sorge vor einem endgültigen Bruch. Das Zentralkomitee betrachtet allzu energische Maßnahmen als gefährlich, weil die Opposition ihre wiederholte Drohung umsetzen könnte, sich als eigenständige kommunistische Partei zu organisieren.[2] Ein solcher Schritt wird in Regierungskreisen als möglicher Beginn eines neuen russischen Bürgerkrieges angesehen.[2] Die Führung nimmt an, dass die Abweichler in einem solchen Fall von allen Kräften unterstützt würden, die mit dem gegenwärtigen Rätesystem unzufrieden sind.[2]

Die ideologische Vorbereitung zur Beseitigung der innerparteilichen Gegner übernimmt derweil die Prawda.[4] Das Moskauer Parteiorgan bezeichnet den oppositionellen Block als bloße Ansammlung von Überbleibseln früherer Oppositionsgruppen, die in letzter Zeit durch politisch schwankende Mitglieder ergänzt worden seien.[4] Die Parteizeitung vergleicht die Lage in einer historischen Analogie mit der Zeit von 1912 bis 1914 und wirft Trotzki vor, dass er damals in Wien eine eigene Fraktionszeitung herausgab.[4] Der Vorwurf erreicht seinen Höhepunkt in der Behauptung, die Führer des neuen Blocks hätten die leninistische Lehre verlassen und eine Politik der bewussten Desorganisation begonnen.[4] Wie das anstehende Disziplinargericht im Oktober entscheiden wird, hängt maßgeblich davon ab, ob das Zentralkomitee bereit ist, das erhebliche Risiko einer förmlichen Parteispaltung einzugehen.[2]