Amtlich wird gemeldet, dass Generalleutnant Wilhelm Heye, bisher Kommandeur der 1. Division und Befehlshaber im Wehrkreis I in Königsberg, zum neuen Chef der Heeresleitung ernannt worden ist.[1] Er tritt damit die Nachfolge des Generalobersten Hans von Seeckt an, dessen Rücktritt nach einer Phase bedauerlicher Nachgiebigkeit gegenüber monarchistischen Wünschen unausweichlich erscheinen musste.[1] Der Reichspräsident, Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, hat mit dieser Entscheidung eine Vakanz beendet, die das politische Berlin in den vergangenen Tagen stark in Atem hielt.[2]

Der Reichswehrminister Dr. Otto Geßler hatte dem Reichspräsidenten ursprünglich eine Liste mit vier Kandidaten vorgelegt.[1] Diese umfasste neben Heye die Generale Reinhard, Hasse und Kreß von Kressenstein.[1] Nachdem General Reinhard den Wunsch geäußert hatte, auf seinem bisherigen Posten verbleiben zu dürfen, beschränkte sich die engere Wahl auf Heye und Hasse.[1] Obwohl Dr. Geßler infolge einer längeren gemeinsamen Tätigkeit im Reichswehrministerium persönliche Beziehungen zu General Hasse unterhielt, gab am Ende ein rein militärisches Kriterium den Ausschlag: Hindenburg ernannte Heye, weil dieser der rangälteste unter den Kommandeuren ist.[1]

Über die genaue Amtsbezeichnung des neuen militärischen Leiters der Reichswehr besteht auf internationaler Ebene noch Unklarheit. Nach Berichten des Pariser Figaro ist in der Auslandspresse eine Polemik darüber entstanden, in welcher rechtlichen Eigenschaft Heye seine neuen Funktionen antreten wird.[2] Dem französischen Blatt zufolge existiert der Posten der Heeresleitung im strengen Sinne seit dem vergangenen Jahr nicht mehr. Der interalliierte Botschafterrat hatte entsprechende Vorhaltungen gemacht.[2] Die Aufgaben seien dadurch auf einen militärischen Berater des Reichswehrministers übergegangen. Daher wird in bestimmten Kreisen nun erwogen, eigens einen Posten als Staatssekretär im Reichswehrministerium für den Seeckt-Nachfolger zu schaffen.[2]

Mit Wilhelm Heye übernimmt ein Offizier das Kommando, der auf eine ebenso rasche wie bemerkenswerte Karriere zurückblickt. Er wurde am 31. Januar 1869 in Fulda geboren und aus dem Kadettenkorps im Jahre 1888 als Leutnant dem Infanterieregiment 70 überwiesen.[1] Das Hamburger Echo hebt hervor, dass er in Friedenszeiten eine verhältnismäßig schnelle Laufbahn als Generalstabsoffizier absolvierte.[3] Nach dem Besuch der Kriegsakademie erfolgte 1901 die Versetzung in den Generalstab. Von 1906 bis 1908 diente er in der Schutztruppe für Südwestafrika.[1] Im Weltkrieg zeichnete er sich vorwiegend an der Ostfront aus und fungierte unter anderem als Chef des Generalstabes des Landwehrkorps sowie der Heeresgruppen Woyrsch und Herzog Albrecht.[1][3] Seine Verdienste wurden im August 1916 mit dem Orden Pour le Mérite und im Sommer 1918 mit dem Eichenlaub zu dieser Auszeichnung gewürdigt.[1]

Politische Bedeutung gewann der Chef der Heeresleitung durch sein Auftreten in den kritischen Novembertagen 1918. Heye war es, der im Auftrag des Generalquartiermeisters Wilhelm Groener dem damaligen Kaiser Wilhelm II. den Rücktritt nahelegte.[3][2] Wie das Berliner Tageblatt ausführlich darlegt, hatte Heye zunächst am 17. Oktober 1918 als Begleiter Erich Ludendorffs die militärische Lage vor der Regierung als „ernst, aber nicht hoffnungslos“ geschildert.[1] Am 9. November wiederum, nachdem er die Ansichten von 39 Frontoffizieren eingeholt hatte, trat er vor den Monarchen.[1] Er erklärte, die Truppe sei treu, jedoch mittlerweile „mürbe und gleichgültig“ und wünsche vor allem Ruhe und Frieden.[1] Gegen die Heimat marschiere sie nicht, auch nicht unter Führung des Kaisers, und ebenso wenig gegen den Bolschewismus.[1] Heye versicherte dem Kaiser entgegen der Ansicht des Generals Graf Schulenburg, das Heer werde auch unter den Generalen allein geordnet nach Hause marschieren.[1]

Es wäre verfehlt, aus dieser historischen Pflichterfüllung unmittelbare Rückschlüsse auf seine gegenwärtigen politischen Anschauungen zu ziehen.[1] In republikanischen Kreisen sieht man die Personalie mit einer Mischung aus Hoffnung und wachsamer Skepsis. Laut dem Vorwärts wurde Heye ein Verständnis für die Forderungen der neuen Zeit zugeschrieben. Dennoch fürchtet man, das konservative Milieu Ostpreußens während seiner Königsberger Kommandantur könnte seinen Charakter beeinflusst haben.[4] Man ist der Ansicht, dass eine längere Tätigkeit in Berlin ihn von diesen Einflüssen lösen möge.[4] Auch das Berliner Tageblatt merkt an, Heye habe in Königsberg mitunter zu viel Nachsicht gegenüber jenen gezeigt, die glaubten, dem Staat Gehorsam verweigern zu können.[1] Nun muss er beweisen, dass die Reichswehr von wirklicher Staatsgesinnung getragen wird und als zuverlässiges Instrument der Republik dient.[1]

Wie notwendig eine klare Bindung der Wehrmacht an den Verfassungsstaat ist, zeigt die Reaktion der radikalen Rechten auf den Seeckt-Rücktritt. Der Vorwärts zitiert hierzu ausführlich die deutschnationale Deutsche Zeitung, die unverhohlen den Sturz des Systems fordert.[4] Das Rechtsblatt wirft Seeckt vor, in jahrelangem Zögern seine Macht aus den Händen gleiten gelassen zu haben.[4] Seeckt habe die Wehrmacht zu einem „passiven Instrument der Staatsautorität“ gemacht, anstatt sie zum „aktivistischen Stoßtrupp des nationalen Gedankens“ zu formen.[4] Diese Ziellosigkeit sei sein Verderben gewesen, und die Armee drohe nun zum Büttel der Sozialdemokratie zu werden, sofern nicht eine jüngere Generation die Armee wieder zu einer Kampftruppe gegen den Staat mache.[4] Diese offene Bekennung zur Ablehnung des Staates belegt die große politische Verantwortung, die Generalleutnant Heye in seinem neuen Amt übernimmt.[4]