— Die Auseinandersetzungen innerhalb der sowjetischen Führung über die künftige Agrarpolitik und Fiskalpolitik verschärfen sich. Wie die Prawda in einer detaillierten programmatischen Erklärung darlegt, sieht sich die amtliche Linie einer ungewöhnlich heftigen Agitation der parteiinternen Opposition ausgesetzt.[1] Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die steuerliche Erfassung der sogenannten Kulaken und der städtischen Bourgeoisie.[1] Das Moskauer Parteiorgan verteidigt den bisherigen Kurs. Es wirft den Kritikern vor, noch vor wenigen Monaten bei der Festsetzung der Steuersätze geschwiegen zu haben.[1] Nun, so die Zeitung, benutze die Opposition eine als „billige Demagogie“ bezeichnete Kampagne. Sie fordere eine beschleunigte Industrialisierung, die mit einer pauschalen Zusatzbesteuerung der Landbevölkerung einhergehen soll.[1]
Nach den Plänen der Finanzverwaltung sollen Arbeiter, Angestellte sowie die ärmeren und weniger zahlungskräftigen mittleren Bauernwirtschaften entweder vollständig von der Steuer befreit oder durch erhebliche Vergünstigungen entlastet werden.[1] Im Gegenzug ist eine beträchtliche Erhöhung der Abgaben für den wohlhabenderen Teil der bäuerlichen Betriebe vorgesehen. Diese Gruppe macht etwa zwanzig Prozent der ländlichen Wirtschaften aus.[1] Die Prawda betont, dass die stärkere Heranziehung der wohlhabenden Mittelbauern und insbesondere der Kulaken zur Agrarsteuer ein zentraler Pfeiler der neuen Finanzpolitik sei.[1]
Die Gesamtsumme der direkten und indirekten Steuereinnahmen für das Staatsbudget 1926/27 wird laut der Prawda auf voraussichtlich 2.250 Millionen Rubel veranschlagt. Im Vorjahr wurden lediglich 1.860 Millionen Rubel erzielt.[1] Auch die Einnahmen aus der Einkommensteuer und Gewerbesteuer von Privatpersonen sowie privaten Betrieben sollen von 240 Millionen auf 300 bis 320 Millionen Rubel steigen.[1] Bei den Akzisen rechnet man mit Erträgen in Höhe von bis zu 1.200 Millionen Rubel.[1]
Das offizielle Blatt tritt zugleich Vorwürfen entgegen, die Regierung schone das Privatkapital und begünstige eine unkontrollierte Vermögensbildung.[1] Eine eigens durchgeführte Untersuchung habe ergeben, dass sich die private Kapitalakkumulation bei rund 323.000 erfassten Zahlern der progressiven Einkommensteuer auf 130 bis 150 Millionen Rubel belaufe.[1] Die Kritiker, so das Parteiorgan, verwechselten Bruttogewinne mit tatsächlichen, akkumulierten Nettogewinnen.[1] Um die wachsenden Herausforderungen der Steuererfassung administrativ bewältigen zu können, genüge der bisherige Apparat nicht mehr.[1] Künftig seien Tausende politisch reifer und fachlich geschulter kommunistischer Finanzinspektoren erforderlich, die über ausreichende Erfahrung verfügten, die tatsächlichen Einkünfte auf dem Lande lückenlos zu kontrollieren.[1]