Im Großen Konzerthaus zu Wien haben sich die Befürworter eines geeinten Kontinents zum ersten paneuropäischen Kongress versammelt.[1] Unter dem blauen Banner, das ein rotes Kreuz auf goldener Sonne zeigt, lauschten rund fünftausend Teilnehmer aus sechsundzwanzig Nationen den feierlichen Klängen der Musik von Johann Sebastian Bach und den pazifistischen Bekenntnissen zahlreicher Redner.[1] Das Vorhaben der Initiatoren um Graf Coudenhove (Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi) ist ehrgeizig gesteckt: Man strebt nach der Gründung der Vereinigten Staaten von Europa.[1] Die Verfechter der Bewegung, die sich geistig auf Vordenker von Hugo Grotius bis Victor Hugo berufen, wollen sämtliche interkontinentalen Barrieren niederreißen — seien es strategische Schranken durch neue Schiedsgerichte, wirtschaftliche Hindernisse durch vollkommene Freihandelsabkommen oder nationale Gegensätze durch die Ausmerzung des Chauvinismus.[1]

Dieses Programm stößt im Ausland allerdings nicht nur auf ungeteilte Zustimmung.[1] Besonders in der französischen Presse regt sich deutliche Skepsis angesichts der Wiener Kongressdebatten. Wie der Pariser Figaro in einer ausführlichen Betrachtung darlegt, befürchtet man dort zunächst eine heikle Überschneidung mit der Arbeit der Genfer Völkerbundversammlung.[1] Der griechische Diplomat Politis (Nikolaos Politis) habe zwar zu bedenken gegeben, die paneuropäische Verfassung sei durch Artikel 21 der Völkerbundsatzung legitimiert und werde die schwierige Aufgabe des Völkerbundsekretariats künftig erleichtern. Die historischen und politischen Einwände der Kritiker wiegen jedoch schwerer.[1]

Europa beziehe seine zivilisatorische Kraft gerade aus seiner jahrhundertealten Vielfalt an Völkern, Religionen und Sitten.[1] Dem Figaro zufolge besteht die Gefahr, dass der paneuropäische Gedanke diese einzigartige Vielfalt unter einem nivellierenden Hobel verschwinden lässt.[1] In den Vereinigten Staaten von Amerika verblassen die nationalen Unterschiede der Einwanderer rasch; der europäische Kontinent hingegen dürfe seine charakteristische Mannigfaltigkeit nicht einer Monotonie opfern.[1] Zudem berge das Projekt außenpolitisch erhebliche Risiken. Paneuropa wolle offenbar im Einvernehmen mit England agieren, letztlich jedoch ohne direkte britische Mitwirkung.[1] Es erscheine sehr kühn, den Kontinent ohne seinen traditionellen englischen Vermittler neu ordnen zu wollen.[1] Ebenso kritisch bewertet man in Paris die bewusste Ausgrenzung Amerikas und Asiens.[1] Dies könne dazu führen, dass künftig mächtige kontinentale Imperialismen einander gegenüberstehen, deren Kriege noch verheerender ausfielen als bisherige Konflikte.[1]

Besondere Besorgnis löst in Frankreich die Rolle der deutschen und österreichischen Vertreter aus.[1] Das Blatt verweist misstrauisch auf die dominierende Stellung, die Reichstagspräsident Löbe (Paul Löbe) auf den Wiener Assisen einnimmt.[1] Wenn diese Wortführer von der Abschaffung der europäischen Grenzen sprechen, befürchten nationalistische französische Beobachter, damit sei in erster Linie die Aufhebung der völkerrechtlichen Trennung zwischen Deutschland und Österreich gemeint.[1] Auf dem Kontinent, so formuliert die Zeitung warnend, „sind nicht alle Wölfe tot“.[1]

Auch die Skeptiker räumen ein, dass die Bestrebungen den realen europäischen Nöten entspringen.[1] Die Sehnsucht nach Frieden speist sich aus historischen Modellen — von der römischen Pax über die Schiedsgedanken des Westfälischen Friedens bis hin zur Heiligen Allianz unter Metternich.[1] Es ist das gemeinsame Unglück der europäischen Staaten, die Anomalien der Friedensverträge, der Währungsverfall und die Schuldenlast gegenüber Amerika. Diese Umstände erzwingen nun eine neue Form der Solidarität.[1] Um diesen Belastungen standzuhalten, bleibt den zerstrittenen Staaten nach Ansicht der Pariser Redaktion womöglich keine andere Wahl, als sich nach dem Vorbild der amerikanischen Republik enger zu verbinden.[1]