Am 14. Oktober tritt die Radikalsozialistische Partei in Bordeaux zu ihrem diesjährigen Kongress zusammen.[1] Die Wahl des Tagungsortes ist von symbolischer Natur: Nachdem konservative Schichten die Gemeindeverwaltung jahrzehntelang geführt hatten, errang die sozialistische Partei dort im Frühjahr 1925 die Mehrheit. Infolgedessen wurde der junge Abgeordnete André Marquet zum Bürgermeister gewählt.[1] Ursprünglich sollte der Kongress über seinen innerparteilichen Rahmen hinaus eine machtvolle Demonstration für das Linkskartell werden.[1]
Jedoch hat sich die politische Großwetterlage in den vergangenen Monaten grundlegend gewandelt. Wie der Vorwärts meldet, steht die Partei vor einer Zerreißprobe, seit ihr Vorsitzender Édouard Herriot in das Kabinett von Raymond Poincaré eingetreten ist.[1] Dieser Entschluss hat innerhalb der eigenen Reihen beträchtliche Verwirrung gestiftet und dem Kartellgedanken einen schweren Schlag versetzt.[1] Auf dem letztjährigen Parteitag in Nizza hatte Herriot in der Finanzdebatte noch über Joseph Caillaux gesiegt.[1] Nun dürften sich die Angriffe in Bordeaux gegen ihn als Minister der Regierung Poincaré richten, insbesondere hinsichtlich der Art und Weise, wie das Kabinett die Sanierung des Franken betreibt.[1] Herriot seinerseits wird voraussichtlich die Hauptverantwortung für die aktuelle innenpolitische Entwicklung der Weigerung der Sozialisten zuschreiben, sich an einer Kartellregierung zu beteiligen.[1]
Die Spaltung der 138 Abgeordneten starken radikalsozialistischen Kammerfraktion ist unübersehbar.[1] Bereits die Bezirkskongresse offenbarten zwei gegensätzliche Strömungen: Die eine ist einer Verständigung mit dem Nationalen Block nicht abgeneigt, während die andere auf der Wiederherstellung des Bündnisses mit den Sozialisten beharrt.[1] Um einen offenen Bruch zu vermeiden, wird Herriot — wie aus Parteikreisen bestätigt wird — den Vorsitz niederlegen und eine Wiederwahl ablehnen.[1] Als aussichtsreichster Nachfolger gilt derzeit Senator Maurice Sarraut, wenngleich auch Malvy und Caillaux Ambitionen hegen.[1]
Die bürgerliche Auslandspresse verfolgt den Richtungsstreit mit offener Genugtuung und hofft, dass der Kongress endgültig zum Grab des Linkskartells wird.[1] Dem Figaro zufolge droht die reine radikale Doktrin fortan ohne ihre sozialistische Allianz in die politische Arena zurückzukehren.[2] Die Zeitung spottet über die Politik Léon Blums. Die Vorgänger Blums hätten ihre Alliierten an der Macht nicht so in Raten unterstützt, wie es mit einem Strick verglichen wird, der den Gehängten stützt.[2] Die Radikalen besäßen in ihren eigenen Reihen ohnehin genügend sogenannte „Ersatzleute“, die in jedem Ereignis nur die Gelegenheit sähen, politische Konkurrenten zu Fall zu bringen.[2] Für die Radikalsozialisten wird es in Bordeaux nun darauf ankommen, Beschlüsse zu fassen, die das Kabinett Poincaré nicht gefährden und doch den Weg zu einer späteren Erneuerung des Linkskartells nicht vollständig versperren.[1]