Im dicht besetzten Großen Saal des Städtischen Saalbaues zu Essen eröffnete am gestrigen Abend die Reichszentrale für Heimatdienst eine neue staatspolitische Vortragsreihe.[1][2] Wie der Westfälische Merkur berichtet, wurde die Sitzung zunächst durch eine Ansprache des Leiters der Landesleitung für das Industriegebiet, Schultz, eingeleitet. Im Anschluss daran begrüßte Oberbürgermeister Dr. Bracht den als Ehrengast erschienenen Reichskanzler Dr. Marx.[1] Nach Angaben der Sächsischen Staatszeitung drückte Bracht dem Kanzler dabei seinen wärmsten Dank für dessen Verdienste um das Vaterland aus.[2] Anschließend erläuterte Ministerialrat Dr. Strahl, der Leiter der Zentralleitung, die Ziele der Reichszentrale, insbesondere im Hinblick auf das rheinisch-westfälische Industriegebiet. Er betonte die Bedeutung der staatsbürgerlichen Aufklärungsarbeit.[1]
Den Höhepunkt des Abends bildete die mit Spannung erwartete Rede des Reichskanzlers.[1] Dr. Marx, der vom Publikum lebhaft und mit großem Beifall empfangen wurde, widmete sich zunächst den grundlegenden Wandlungen des politischen Lebens seit dem Krieg.[1][2] Das politische Leben, so führte der Kanzler aus, sei heute ungleich belebter und bewegter als in den Jahrzehnten vor Ausbruch des Weltkrieges.[2] Er führte dies auf die Erregung der Kriegs- und Nachkriegszeit sowie auf die drückende wirtschaftliche und soziale Not zurück, die weite Kreise der Bevölkerung aufgerüttelt habe.[1] Dem Berliner Tageblatt zufolge bezeichnete Marx diese Politisierung der Massen als eines der wichtigsten Kennzeichen der modernen Zeit und als unvermeidliche Folge der zunehmenden Demokratisierung.[3] Diese Entwicklung besitze etwas Großes und Edles, da sie die Interessen und Ideale der Bürgerschaft unmittelbar an die politischen Entscheidungen heranführe. Sie schlage eine lebendige Brücke zwischen dem Volk und der Regierung.[1][3] Darin sei der neue Volksstaat dem alten Obrigkeitsstaat eindeutig überlegen.[2]
Gleichzeitig warnte der Regierungschef vor den Gefahren, die diese tiefe Politisierung in sich berge.[1] Die natürlichen Spannungen, die ohnehin das deutsche Volk durchzögen, würden dadurch schwer belastet. Die politische Temperatur werde durch die leidenschaftlichen Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit der sozialen Not weiter erhöht.[1][2] Marx wies darauf hin, dass kein anderes Volk so sehr dem politischen Individualismus huldige wie das deutsche.[1] Während angelsächsische Länder wie England oder die Vereinigten Staaten zumeist mit zwei oder drei großen Parteien auskämen und das benachbarte Frankreich seinen Parteienluxus durch einen straffen Zentralismus ausgleiche, sei das deutsche Staatswesen von einer mannigfachen Gliederung und gefährlichen Splitterungen geprägt.[1] Daraus ergebe sich die zwingende Notwendigkeit einer Führung, die das Auseinanderstrebende zu einen versuche.[3] Nirgendwo sei die Pflege des Gedankens der Volksgemeinschaft notwendiger als in Deutschland.[1][3] Der Kanzler betonte, dass er die Gewinnung des ganzen Volkes in all seinen Klassen und Schichten für die Arbeit am Vaterland als das höchste Ziel einer pflichtbewussten Regierung ansehe.[3]
In diesem Zusammenhang ging Dr. Marx ausführlich auf die jüngsten Äußerungen des Industriellen Dr. Silverberg ein, die dieser auf der Dresdner Tagung des Reichsverbandes der deutschen Industrie und später in Düsseldorf getätigt hatte.[1] Laut dem Westfälischen Merkur äußerte der Kanzler seine besondere Freude über die von hohem Verantwortungsbewusstsein zeugenden Worte Silverbergs.[1] Auch wenn dessen Appell zur Zusammenarbeit nicht überall die ungeteilte Zustimmung gefunden habe, habe sich dennoch gezeigt, dass der Gedanke eines Hand-in-Hand-Arbeitens zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in weiten Kreisen erfreulichen Anklang finde.[1][3] Wer soziale Gesinnung von den Arbeitgebern und wirtschaftliches Verständnis von den Arbeitnehmern verlange, leiste dem bedrückten Volk den besten Dienst.[1] Die Regierung, so hob Marx hervor, heiße die Mitarbeit jeder Partei willkommen, die sich schützend vor die staatliche Ordnung stelle.[3] Aus dem Berliner Tageblatt geht ferner hervor, dass der Kanzler jene kürzlich gefallene Äußerung tief bedauerte, in Deutschland könne nur ohne oder gar gegen die Sozialdemokratie regiert werden.[3] Er habe sich niemals zu einer solchen Auffassung bekannt und werde dies auch in Zukunft nicht tun. Eine Vorab-Diskriminierung großer, zur Mitarbeit bereiter Parteien wäre ein Unglück für das Vaterland.[1][3]
Ein weiteres zentrales Thema der Ausführungen bildete die angespannte finanzielle Lage des Reiches.[1] Für die Monate Juli und August lasse sich zwar eine erfreuliche Besserung auf der Einnahmeseite verzeichnen, was auf eine wachsende Liquidität der Wirtschaft hindeute. Parallel dazu seien jedoch die Ausgaben stark angestiegen.[1] Wie der Westfälische Merkur darlegt, erfordern insbesondere die Erwerbslosenfürsorge, an der neben den Ländern auch das Reich erheblich trage, das umfassende Arbeitsbeschaffungsprogramm, der Wohnungsbau sowie das Siedlungswesen große staatliche Mittel.[1] Der Kanzler schloss sich der Einschätzung des Reichsfinanzministers an, dass das Reich trotz der verbesserten Steuereinnahmen froh sein könne, im laufenden Jahr hart an einem Defizit vorbeizukommen.[1] Besondere Sorge bereite die Tatsache, dass für das Rechnungsjahr 1927 keine Reserven aus Überschüssen der Vorjahre mehr zur Verfügung stünden. Jede Mehrausgabe könne dadurch den Etat gefährden und den Anleihebedarf des Staates in die Höhe treiben.[1]
Abschließend wandte sich Reichskanzler Marx dem am 30. September geschlossenen internationalen Stahlpakt zu, der die westeuropäische Stahlproduktion regulieren soll.[1] Die Überfüllung des internationalen Marktes und das Darniederliegen des Weltschiffbaus hätten einen massiven Druck auf die Stahlpreise ausgeübt.[1] Dieser Preisdruck sei durch die Währungsentwertung in Frankreich und Belgien und die daraus resultierenden Schleuderpreise noch außerordentlich verschärft worden.[1] Um nicht vom Weltmarkt verdrängt zu werden und heimische Arbeiter entlassen zu müssen, sei die deutsche Industrie laut den Darlegungen des Kanzlers gezwungen gewesen, ihre Erzeugnisse zu tatsächlichen Verlustpreisen abzusetzen.[1] Die nun getroffene Vereinbarung bringe die Produktion endlich in Einklang mit den Absatzmöglichkeiten und beende den vernichtenden Preiskampf.[1] Die Regierung verspricht sich davon eine Sicherung der Beschäftigung sowie eine günstigere Gestaltung der deutschen Handelsbilanz durch steigende Ausfuhrwerte.[1] Auch die eisenverarbeitende Industrie werde profitieren, da ausländische Konkurrenten künftig nicht mehr künstlich verbilligten Rohstoff beziehen könnten.[1] Den Befürchtungen vor einer monopolistischen Preisdiktatur zulasten der Endverbraucher trat Marx entgegen. Er führte hierzu die Feststellung des Reichswirtschaftsministers an, wonach die Regierung die Pflicht habe, „die weitere Entwicklung, welche die deutsche Eisenwirtschaft unter dem Einfluss der internationalen Verständigung nehmen wird, mit größter Aufmerksamkeit zu verfolgen.“[1]