Im Plenarsitzungssaal des Reichstags wurde am Sonntag in Anwesenheit zahlreicher ausländischer Vertreter der erste internationale Kongress für Sexualforschung feierlich eröffnet.[1] Wie die Kölnische Zeitung meldet, übernahm Geheimrat Dr. Albert Moll den Vorsitz der weitreichenden wissenschaftlichen Zusammenkunft.[1] In seiner Begrüßungsansprache betonte er, dass der Neuaufbau der Gesellschaft nach den Erschütterungen des Krieges erst seit rund anderthalb Jahren wieder systematisch vorangetrieben werden könne.[1] Dieser Aufbaufortschritt sei, trotz anfänglicher Zweifel, unter Beteiligung nahezu aller Kulturstaaten erfolgreich eingeleitet worden.[1]

Im Namen der deutschen Reichsregierung hieß Reichsinnenminister Dr. Wilhelm Külz den Kongress willkommen.[1] Er hob hervor, dass es sich um die erste wissenschaftliche Tagung von internationalem Rang auf deutschem Boden seit Kriegsende handle.[1] Külz äußerte die Hoffnung, dass die Zeit der völkerpsychologischen Kriegsverwüstungen im Bereich der Forschung nunmehr überwunden sei. Diese Worte fanden im Saal lebhafte Zustimmung.[1] Die ausländischen Gäste, die in die Hauptstadt gekommen waren, fänden ein Deutschland vor, das aus starkem nationalem Wollen zur Höhe strebe, sich aber der Notwendigkeit und des Segens der internationalen Zusammenarbeit in vollem Umfang bewusst sei.[1] Dies gelte insbesondere für das Reich der Wissenschaft.[1] Auch Ministerialdirektor Dr. Richter überbrachte die besten Wünsche und sprach im Namen des preußischen Kultusministeriums.[1]

Als erster Vertreter der ausländischen Abordnungen ergriff der Wiener Universitätsprofessor Graf Gleispach das Wort.[1] Besonders großen Beifall erhielten anschließend die Ausführungen des französischen Gelehrten Eugène Gley aus Paris.[1] Dieser betonte feierlich, dass die wissenschaftliche Forschungsarbeit als grundlegende Voraussetzung den allgemeinen Frieden benötige.[1] Es sei gerade die Aufgabe der Wissenschaftler, diesen Frieden in der Welt zu verkünden.[1]

Zum Abschluss der offiziellen Begrüßungen sprach Professor Pompeckj im Namen der Berliner Universität.[1] Er vertrat die Ansicht, dass die Gelehrten jedes Landes ihre Eigenart bewahren sollten.[1] Die Wissenschaft an sich sei jedoch ein unteilbares Menschheitsgut von übernationaler Bedeutung; deshalb bilde sie den „schönsten Völkerbund“.[1] Diese Bemerkung wurde von den Anwesenden mit langanhaltendem Beifall aufgenommen.[1]

Die eigentlichen Arbeitssitzungen des Kongresses beginnen am Montag im Langenbeck-Virchow-Haus.[1] Dort stehen zahlreiche Fachvorträge auf dem Programm.[1] Dem Zeitungsbericht zufolge wird die Tagung, die einen bedeutenden Schritt für die internationale Zusammenarbeit der Forschung bedeutet, noch bis zum 16. Oktober andauern.[1]