Die britische Innenpolitik steht weiterhin im Schatten des nunmehr seit knapp einem halben Jahr andauernden Bergarbeiterstreiks. Während in den Revieren die Not wächst und sich Auflösungserscheinungen an der Streikfront mehren, suchen die politischen Vertretungen der britischen Arbeiterschaft nach Wegen aus der verfahrenen Situation.[1][2] In Margate trat am Montag der 26. Jahresparteitag der britischen Arbeiterpartei zusammen, der sogleich durch fundamentale Richtungsauseinandersetzungen geprägt war.[1][3]

In seiner Eröffnungsrede vor rund 1100 Delegierten setzte sich der Parteivorsitzende Robert Williams ausführlich mit den brennenden industriellen Kämpfen und insbesondere mit dem Bergarbeiterkonflikt auseinander.[3] Nach Angaben der Badischen Presse warf er dem Kabinett unter Premierminister Stanley Baldwin vor, seit Juli 1925 zwar rhetorisch eine Politik des industriellen Friedens zu verfolgen, in der Praxis jedoch untätig zu bleiben.[1] Die Grubenbesitzervereinigung hingegen habe geradezu einen Zivilkrieg gegen die Bergarbeiter entfesselt.[1] Nach seinen Worten zeige diese sich als die rücksichtsloseste und reaktionärste Organisation des Unternehmertums.[1]

Trotz dieser scharfen Angriffe warnte Williams seine Parteigenossen vor überstürzten und radikalen Maßnahmen. Die Forderung nach einem erneuten Generalstreik, wie sie aus extremen Kreisen erhoben wird, wies er mit Hinweis auf die harten Bedingungen zurück, welche den Gewerkschaften nach dem gescheiterten Generalstreik vom Mai von den Unternehmern auferlegt worden seien.[3] Wie das Hamburger Echo meldet, sprach sich der Parteivorsitzende auch entschieden gegen eine Kohlentransportsperre aus, die derzeit vom Bergarbeiterverband gefordert wird.[3] Er erinnerte daran, dass eine solche Methode bereits im Jahr 1921 versagt hatte, was als ausreichende Warnung für die Gegenwart gelten müsse.[3] Das Bekenntnis von Williams, die Arbeiterpartei stehe zu einem verfassungsmäßigen Vorgehen, wurde von der großen Mehrheit der Delegierten mit starkem Beifall aufgenommen.[4]

Ein zentraler Punkt der Beratungen in Margate war die Abgrenzung vom Kommunismus, sowohl in nationaler als auch in internationaler Hinsicht. Williams wandte sich nachdrücklich gegen die Versuche aus Moskau, den britischen Arbeitskampf für politische Zwecke einzuspannen. Unter Bezugnahme auf ein provokantes Telegramm des sowjetischen Gewerkschaftsführers Tomski (Michail Tomski) forderte er: „Hände weg von der britischen Arbeiterschaft“ und betonte, man wünsche weder eine politische noch eine industrielle Einmischung in Großbritannien.[3][5] Die britische Arbeiterbewegung habe sich stets gegen militärische oder wirtschaftliche Interventionen Englands in Russland ausgesprochen. Daher müsse sie sich nun ebenso gegen russische Einmischungsversuche zur Wehr setzen.[3]

Der erwartete Vorstoß der Kommunisten auf dem Parteitag ließ dennoch nicht lange auf sich warten. Obwohl die Ausweisung der Kommunisten aus der Arbeiterpartei bereits auf dem Parteitag in Liverpool 1925 beschlossen worden war, konnten einige Vertreter aufgrund der eigentümlichen Struktur des britischen Delegiertensystems an den Beratungen teilnehmen.[3] Der Kommunist Pollit (Harry Pollitt) forderte eine neue Diskussion über die Stellung seiner Gesinnungsgenossen innerhalb der Arbeiterpartei.[3] Die Delegierten lehnten dieses Ansinnen jedoch deutlich ab. Mit annähernd drei Millionen gegen etwa 350.000 Stimmen wurde der Antrag auf Wiederaufnahme der Frage abgewiesen.[1][3][5]

Trotz dieser klaren Beschlüsse sammeln sich die radikalen Kräfte neu. Wie die spanische Zeitung El Sol berichtet, hatten sich extreme Elemente der Arbeiterpartei bereits im Vorfeld getroffen, um eine Resolution einzubringen, welche die bisherige Politik — die Entschädigung der Grubenbesitzer im Falle einer Verstaatlichung der Minen — endgültig aufgeben soll.[2] Sie fordern anstelle der Entschädigung die entschädigungslose Enteignung des Eigentums.[2] Ferner verlangen diese Kreise, dass die Eisenbahner- und Hafenarbeitergewerkschaften ihren Mitgliedern umgehend befehlen sollen, die Entladung und den Transport von ausländischer Importkohle zu verweigern.[2]

Während in Margate debattiert wird, gerät die Führung der Bergarbeitergewerkschaft in den Revieren weiter in die Defensive. Eine mehrwöchige Werbereise des Generalsekretärs der Bergarbeitergewerkschaft, Cook (A. J. Cook), brachte keinen durchschlagenden Erfolg.[1] Im Gegenteil, es mehren sich die Berichte über eine Wiederaufnahme der Arbeit. In Yorkshire wurden erstmals seit April zwei große Gruben im Dearnetal wieder eröffnet.[1][6] Auch aus dem Distrikt Leicestershire wird gemeldet, dass dort auf Grundlage einer regionalen Vereinbarung zwischen den Unternehmern und den örtlichen Gewerkschaften die Arbeit wieder aufgenommen wurde.[3]

Der Nieuwe Rotterdamsche Courant berichtet ferner, dass die Bergarbeiter in Nottinghamshire in dieser Woche eine Abstimmung darüber vornehmen werden, ob sie sich von der nationalen Föderation abspalten und einen eigenen regionalen Vertrag mit den Grubenbesitzern schließen wollen.[6] Nach einer kurzfristigen Werbefahrt durch Derbyshire hat Cook nun seine Kampagne auf Nottinghamshire verlegt, um die abtrünnigen Bergleute von ihrem Kurs abzubringen.[6] Am Wochenende betrug die Nettozunahme der arbeitswilligen Bergleute 2818 Mann.[6] Zudem wird das Personal einer Zinnmine bei Swansea, das der Familie Baldwin gehört, am Mittwoch an die Arbeit zurückkehren.[6]

Angesichts dieser Entwicklung verschärft sich der Tonfall Cooks erheblich. Nach einem Bericht der Pravda erklärte der Generalsekretär, dass den Bergarbeitern nichts anderes übrig bleibe, als jedes Mittel einzusetzen, über das sie verfügen, auch wenn dies das Überfluten der Minen bedeute.[7] Die Regierung nimmt diese Drohung ernst. Baldwin kehrte heute unerwartet nach London zurück, um an einer Sitzung der Kohlenkommission teilzunehmen.[1] Die Regierung hält sich bereit, dringend notwendige Schutzmaßnahmen zu treffen, falls die Zurückziehung des Sicherheitspersonals die Gruben tatsächlich gefährden sollte.[1]

Das Sicherheitspersonal selbst zeigt jedoch in weiten Teilen wenig Bereitschaft, extremen Weisungen zu folgen. Die Vertreter in Nottinghamshire wiesen ihre Leute an, in den Minen zu bleiben und keine anderslautenden Instruktionen anzunehmen.[1] In Northumberland entschied sich das Sicherheitspersonal sogar mit 98 Prozent der abgegebenen Stimmen, auf ihren Posten zu verbleiben, während der dortige Gewerkschaftsrat Vorschläge aus Südwales für einen radikaleren Kurs mit 30 gegen 24 Stimmen ablehnte.[6]

Die humanitäre Dimension des Konflikts führt viele zur Verzweiflung. In einer Rede in Wickford in der Grafschaft Essex räumte Cook ein, dass weniger als zehn Prozent der Arbeiter in die Schächte zurückgekehrt seien, und diese würden allein durch Hunger dazu gezwungen.[2] In einigen Regionen sei die Armenfürsorge für die Familien der Streikenden aufgehoben worden.[2] Internationale Unterstützung bringt nur geringe Linderung; so überwiesen die ungarischen Sozialdemokraten kürzlich 60 Millionen Kronen zur Unterstützung der Streikenden.[2]

Cook betonte jedoch auch, dass es nicht das Ziel der Bergarbeiter sei, die Grundlagen der britischen Verfassung zu zerstören.[2] Dem El Sol zufolge erklärte er, die Arbeitgeber müssten den Arbeitern einen Mindestlohn von zehn Schilling täglich garantieren; dann würde er sofort zur Wiederaufnahme der Arbeit raten. Er verwies darauf, dass selbst der Erzbischof von Canterbury es öffentlich als höchst unmoralisch verurteilt habe, den Widerstand der Bergleute durch Hunger brechen zu wollen.[2]