In der jüngsten Zeit kursierten in der internationalen Presse wiederholt Meldungen, wonach sich in der Sowjetunion eine Verständigung zwischen der von Trotzki (Leo Trotzki) geführten Opposition und der Parteimehrheit unter Stalin (Josef Stalin) anbahnen könnte.[1] Obwohl offizielle Erklärungen der Moskauer Regierung zu diesen Gerüchten bislang fehlen, muss eine derartige Entwicklung nach den Ereignissen der letzten Tage als höchst unwahrscheinlich gelten.[1] Im Gegenteil, die innerparteiliche Situation in der Kommunistischen Partei hat sich drastisch verschärft.[1]
Einen vorläufigen Höhepunkt fand diese Krise bereits am 1. Oktober, als fast sämtliche Führer der Opposition zum ersten Mal geschlossen in einer Versammlung der kommunistischen Parteizelle des Werkes Aviopribor auftraten.[1] Die hitzigen Diskussionen zogen sich bis tief in die Nachtstunden.[1] Dieser beispiellose Vorgang wirkte wie ein Fanal und führte zu Dutzenden weiterer ähnlicher Versammlungen.[1] So trat Sinowjew (Grigori Sinowjew) vor der Parteizelle der Leningrader Putilow-Werke auf, um den Standpunkt der Minderheit zu verteidigen.[1] Den offiziellen Berichten zufolge, zu denen unabhängige Gegeninformationen fehlen, blieb die Opposition bei diesen Abstimmungen überall in der Minderheit.[1]
Dem Vorwärts zufolge geht aus den Berichten der Prawda klar hervor, dass die Opposition inzwischen in nahezu jeder Parteiversammlung präsent ist.[1] Sie wird dabei nicht allein durch ihre prominenten Führer repräsentiert, sondern stützt sich auch auf mittlere und untere Funktionäre der Partei.[1] Eine strikte Einheitlichkeit in der Leitung der Opposition, an deren Spitze nun unverkennbar Trotzki steht, ist deutlich zu erkennen.[1] Die sowjetische Presse reagiert auf diese organisierte Herausforderung mit äußerster Schärfe.[1] Führende Abweichler werden in ausführlichen Artikeln in einem polemischen Stil angegriffen, wie er in Deutschland aus der Roten Fahne im Kampf gegen sozialdemokratische Parteiführer bekannt ist.[1] Zur Abwehr der innerparteilichen Bedrohung veröffentlicht die Prawda außerdem umfangreiche Resolutionen zugunsten der Parteiführung, die offenkundig von allen maßgeblichen Organisationen eingefordert worden sind.[1]
Für orthodoxe russisch-kommunistische Vorstellungen bedeutet das offene Auftreten einer so organisierten Opposition einen erheblichen Skandal.[1] Es gilt als ausgeschlossen, dass die Dissidenten nach diesen Vorgängen ihre führenden Stellungen behalten oder weiterhin Mitglieder des Zentralkomitees bleiben dürfen.[1] Wegen dieser Entwicklung wurde auf den 11. Oktober eine Sitzung der zentralen Kontrollkommission einberufen. Diese soll das Verhalten der abweichenden Funktionäre unter dem strengen Gesichtspunkt der Parteidisziplin prüfen.[1] Es ist kaum vorstellbar, dass die Kommission anders entscheidet als für einen Verlust der Zentralkomiteemandate.[1] Die am 25. Oktober zusammentretende Parteikonferenz wird diese Beschlüsse voraussichtlich bestätigen müssen.[1]
Damit wird die Minderheit, selbst wenn ein sofortiger Ausschluss aus der Partei noch vermieden werden sollte, unweigerlich an den Rand der Illegalität gedrängt.[1] Von diesem Punkt bis zu einer systematischen polizeilichen Verfolgung ist es in der russischen Diktatur nur noch ein Schritt.[1] Der Bericht des sozialdemokratischen Blattes schließt mit der Feststellung, dass eine Lösung des Konflikts durch ein hartes Eingreifen der Tscheka zwar naheliegen könnte, jedoch vermutlich nicht einmal Stalin derartige Erwartungen an ein rasches Ende hegt.[1] Der Machtkampf wird weitergehen; die Diktatur, so die abschließende Einschätzung, wird nicht ewig bestehen.[1]