Aus London dringen alarmierende Meldungen über eine angebliche Verschärfung der polnisch-litauischen Krise an die Öffentlichkeit.[1] Das Harburger Tageblatt berichtet, dass der polnische Diktator Pilsudski (Józef Piłsudski) einen neuen Einmarsch in Litauen vorbereite.[1] Die Nachrichten treten überaus bestimmt auf; so sollen bereits von polnischen Offizieren ausgebildete und wohlbewaffnete Truppenkörper in einer Stärke von etwa 15.000 Mann für dieses Vorhaben bereitstehen.[1] Das polnische Verlangen, Litauen dem eigenen Staatswesen in irgendeiner Form einzuverleiben, ist tief verwurzelt. Es weckt unvermeidlich Erinnerungen an den Handstreich des Generals Zeligowski (Lucjan Żeligowski) auf die alte litauische Hauptstadt Wilna.[1]
Vor dem Hintergrund des jüngst geschlossenen russisch-litauischen Vertrages bemüht sich die Warschauer Diplomatie allerdings um Beschwichtigung. Wie Le Temps meldet, hat der polnische Außenminister Zaleski (August Zaleski) gegenüber der heimischen Presse erklärt, dass das litauisch-sowjetische Abkommen den bestehenden legalen Zustand nicht modifizieren könne.[2] In einem Interview mit dem liberalen Kurjer Polski, aus dem der Pariser Figaro zitiert, betonte Zaleski zudem den Wunsch Polens nach einer engen Zusammenarbeit mit der Völkerbundversammlung, um die Entwicklung zu fördern und den Wohlstand zu heben.[3]
Dass die Lage in Osteuropa dennoch als höchst angespannt gilt, zeigt ein diplomatisches Nachspiel in der französischen Hauptstadt. Die Deutsche Allgemeine Zeitung meldet aus Paris, dass der dortige Sowjetbotschafter Rakowski (Christian Rakovsky) sich genötigt sah, drastische Zeitungsgerüchte offiziell zu dementieren.[4] Es war behauptet worden, der sowjetische Außenkommissar Tschitscherin (Georgi Tschitscherin) habe erklärt, dass Russland im Falle eines polnischen Angriffs auf Litauen innerhalb von 24 Stunden Riga, Reval und Kowno besetzen würde.[4] Rakowski wies diese Meldungen über eine drohende sowjetische Intervention an der baltischen Küste kategorisch zurück.[4]