Auf der Jahreskonferenz der britischen Arbeiterpartei in Margate vollzieht sich in diesen Tagen ein harter politischer Klärungsprozess. Die Führung der Partei zieht die organisatorischen Konsequenzen aus dem gescheiterten Generalstreik des Frühjahrs. Im Mittelpunkt der Debatten steht die unmissverständliche Distanzierung von extremistischen Einflüssen und eine scharfe Abrechnung mit der kompromisslosen Streiktaktik des linken Flügels. Wie der Pariser Temps treffend bemerkt, ist in den verantwortlichen Kreisen der Partei die Überzeugung gereift, dass die ideologische Unterwanderung der britischen Arbeiterbewegung durch den ausländischen Kommunismus ein Ende haben müsse.[1]
Den Auftakt dieser strategischen Neuausrichtung bildete die Eröffnungsrede des Konferenzpräsidenten Robert Williams, der ehemals selbst dem radikalen Flügel zugerechnet wurde.[1] Williams verurteilte die fortgesetzte Einmischung ausländischer Kommunisten in die britische Gewerkschaftspolitik auf das Schärfste.[1] Zugleich übte er harte Kritik an der Unnachgiebigkeit der Bergarbeiter, die trotz offensichtlicher Aussichtslosigkeit an ihrem Ausstand festhielten.[1] In einer drastischen Metapher verglich Williams die streikenden Bergleute mit einem blinden Simson, der die Säulen des Tempels — in diesem Fall die britische Zivilisation — ins Wanken bringe.[1] Diese Politik der Verzweiflung scheine zwar heroisch, stelle aber keine vernünftige Strategie dar.[1] Der Hong Kong Telegraph lobte Williams für seinen Mut zur freien Meinungsäußerung. In der Arbeiterpartei gelte es jedoch allzu oft als ungeschriebenes Gesetz, sich jeglicher Kritik an der Vorgehensweise der Einzelgewerkschaften zu enthalten.[2]
Die Reaktionen aus Moskau auf diese gemäßigte Ausrichtung ließen nicht lange auf sich warten. Die Prawda widmete den Vorgängen in Margate breiten Raum und griff die Parteiführung heftig an.[3] Das sowjetische Blatt warf Williams vor, er habe sich vom mutigen Klassenkämpfer in ein bloßes Sprachrohr von Ramsay MacDonald und J.H. Thomas verwandelt.[3] Die Konferenz besiegele die Konsolidierung einer opportunistischen Arbeiterbürokratie, welche vor dem Bürgertum kapituliere, um sich den parlamentarischen Frieden zu erkaufen.[3] Weiterhin warnt das Moskauer Parteiorgan davor, dass die reformistischen Führer den Arbeitern zu vermitteln suchten, der Kapitalismus sei nicht zu bekämpfen, sondern friedlich zu überwinden.[3] Dennoch weist die Prawda darauf hin, dass sich trotz des Ausschlusses zahlreicher lokaler Organisationen und der strengen Aussiebung kommunismusverdächtiger Delegierter ein Block von über 200.000 Stimmen als echte revolutionäre Opposition gegen die offizielle Parteilinie formiert habe.[3]
Der zweite Konferenztag stand ganz im Zeichen der anhaltenden Bergbaukrise. Der Unterhausabgeordnete Rhys Davies brachte eine Resolution ein, die das Vorgehen der Regierung in scharfer Form verurteilt.[4][5][2] Insbesondere protestiert der Entwurf gegen die gesetzliche Verlängerung der Arbeitszeit unter Tage, welche als reine Kapitulation vor den Zechenbesitzern gewertet wird.[5][6] Als einziges tragfähiges Mittel zur Gesundung der Industrie empfiehlt die Entschließung die Nationalisierung des Kohlebergbaus.[4][5][2] Diese Forderung stützt sich auf den Rationalisierungsplan, den der Bergarbeiterverband der staatlichen Kohlenkommission vorgelegt hatte.[5][6][7]
Diese offizielle Linie stieß beim radikalen Flügel auf erbitterten Widerstand. Mehrere Redner aus den Kohlenrevieren argumentierten, bloße Sympathiekundgebungen würden den hungernden Familien in der Praxis nicht helfen.[5][7] Der schottische Abgeordnete David Kirkwood, ein prominenter Vertreter der linken Parteiopposition, forderte eine Entschließung mit mehr Nachdruck.[5][2] Was die Männer und Frauen in den Streikgebieten jetzt benötigten, sei bares Geld.[2] Kirkwood verlangte daher eine prozentuale Abgabe aller der Partei angeschlossenen Organisationen zugunsten der Streikenden.[2] Noch deutlicher wurde der Delegierte Arthur Horner aus Südwales. Er rief der Parteiführung entgegen: „Wir wollen eure leere Resolution nicht. Wenn ihr uns helfen wollt, gebt uns Geld und eine Transportsperre.“[2][7]
Als daraufhin J.H. Thomas, der Generalsekretär der Eisenbahner, das Podium betrat, um auf die Vorwürfe zu antworten, brach im Saal ein solcher Tumult aus, dass dem Redner erst durch energisches Eingreifen des Vorsitzenden Gehör verschafft werden konnte.[5] Thomas konfrontierte die Delegierten mit den harten wirtschaftlichen Realitäten, die seit dem Generalstreik im Mai vorherrschen.[5] Er erklärte offen, warum finanzielle Hilfe für die Bergleute durch die anderen Berufsverbände nicht möglich sei.[4][7] Allein bei den Eisenbahnern seien derzeit 45.000 Männer arbeitslos, da sie seit dem Abbruch des großen Streiks nicht wieder eingestellt worden seien.[4][2] Weitere 200.000 Eisenbahner arbeiteten nur an drei Tagen in der Woche und müssten massive Lohnbußen hinnehmen.[4][2] Auch die Transportarbeiter verzeichneten 80.000 Mitglieder ohne Beschäftigung und weitere 100.000 in Kurzarbeit.[4][2] Bei den Kesselschmieden liege die Arbeitslosenquote sogar bei 45 Prozent, während der Maschinenbauverband nicht einmal mehr in der Lage sei, Umlagen für die eigenen Mitglieder einzuziehen.[4] Unter diesen Umständen den ohnehin notleidenden Arbeitern noch zusätzliche Abgaben abzuverlangen, sei eine Illusion.[5][2]
Parteiführer Ramsay MacDonald griff persönlich in die Debatte ein und stellte sich schützend vor Thomas. Er zeigte sich entsetzt über das Ausmaß der Erwerbslosigkeit innerhalb der einzelnen Gewerkschaften und betonte, man müsse den industriellen Tatsachen nüchtern ins Auge sehen.[4][2] Zugleich verteidigte er die vorgelegte Resolution zur Nationalisierung und hob hervor, dass diese keineswegs bedeutungslos sei, da sie die nächste Arbeiterregierung auf die Verstaatlichung des Bergbaus verpflichte.[5][2] Der eigentliche Kampf um die Kohle werde ohnehin bald auf einer anderen Ebene fortgesetzt, nämlich im Unterhaus.[4][5]
Sein Vorgehen gegen die radikalen Wortführer fasste MacDonald laut dem Temps in einer markanten Formel zusammen, die den neuen pragmatischen Kurs der Partei veranschaulicht: „Lasst sie reden, und dann boxt sie mit Faustschlägen aus dem Ring.“[1] Am Ende setzte sich die Führungslinie eindeutig durch. Die Resolution zur Nationalisierung wurde mit der erdrückenden Mehrheit von 3.315.000 Ja-Stimmen gegen nur 200.000 Nein-Stimmen angenommen.[2][8] Für MacDonald persönlich stellte der Konferenztag zudem einen privaten Meilenstein dar: Er feierte am Dienstag seinen sechzigsten Geburtstag, woraufhin ihm der Kongress zu Beginn der Sitzung eine langanhaltende Ovation darbrachte.[5][6]