Am Dienstag hat sich in der tschechoslowakischen Hauptstadt ein politisches Ereignis vollzogen, das für die Entwicklung des Staates von epochaler Bedeutung ist.[1] Das bisherige Beamtenkabinett unter Jan Cerny (Jan Černý) hat, wie amerikanische Zeitungen wie die Washington Post melden, seinen Rücktritt eingereicht.[2] Staatspräsident Thomas Masaryk (Tomáš Garrigue Masaryk) hat anschließend den früheren Ministerpräsidenten Antonin Svehla von der tschechischen Agrarpartei mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt.[2][3] Diese Berufung markiert einen historischen Einschnitt: Zum ersten Mal seit der Staatsgründung treten Vertreter der deutschen Minderheit in die Regierung ein.[2][1] Es handelt sich um den deutschen Agrarier Professor Franz Spina sowie den deutsch-christlichsozialen Professor Robert Mayr-Harting.[3]
Mit dem Eintritt in die Regierungsverantwortung endet die schroffe Ablehnung, mit der die deutschen Parteien dem Staat bisher begegnet sind.[1] Die demografische und politische Tragweite dieser Entscheidung wird deutlich, wenn man die Bevölkerungszahlen betrachtet. Wie das Berliner Tageblatt vorrechnet, weist die offizielle Volkszählung von 1921 bei einer Gesamtbevölkerung von 13.613.172 Einwohnern exakt 3.123.448 Deutsche aus, was 23,36 Prozent entspricht.[1] Legt man allerdings die Wahlen von 1920 zugrunde, lässt sich die tatsächliche Zahl auf rund 3,9 Millionen Deutsche schätzen.[1] Das geschlossene Siedlungsgebiet im Norden, Westen und Süden umfasst 14.000 Quadratkilometer und bildet einen bis zu 70 Kilometer breiten Gürtel, der das tschechische Sprachgebiet umschließt.[1] Die Deutschen haben zahlreiche unerledigte Beschwerden: Bisher klagte die Minderheit, dass in rein deutschen Bezirken gezielt tschechische Beamte und Gendarmen eingesetzt wurden, um künstlich eine tschechische Minderheit zu schaffen und daraufhin tschechische Schulen errichten zu können.[3]
Die Deutsche Allgemeine Zeitung berichtet, dass dem Eintritt in die Koalition intensive innerdeutsche Verhandlungen vorausgingen. Dabei wurde die volle nationale Gleichberechtigung als Grundlage gefordert.[4] In Wiener politischen Kreisen wird zudem das Argument angeführt, der kürzlich erfolgte deutsche Völkerbundbeitritt habe die praktische Mitarbeit der Sudetendeutschen im Staat nunmehr unabdingbar gemacht.[4] Die unmittelbare Ursache für die Koalitionsbildung liegt jedoch in wirtschaftlichen Interessen. Dem Vorwärts zufolge bildet die wirtschaftliche Interessengemeinschaft der deutschen und tschechischen Agrarier das Fundament des Kabinetts.[3] Als die vorherige Regierung höhere und feste Getreidezölle verlangte, traten die tschechischen Sozialdemokraten und Nationalsozialisten in scharfe Opposition, da sie um die unter der Wirtschaftskrise leidenden Konsumenten fürchteten.[3] Um den Zusammenhalt der Befürworter der Zölle zu sichern, wurden die deutschen Agrarier, die Gewerbepartei und die Christlichsozialen in die Koalition einbezogen.[3] Letztere erhielten als Gegenleistung eine Erhöhung der sogenannten Kongrua, der staatlichen Mindestgehälter für katholische Geistliche.[3]
Das neue Ministerium ist strukturell eine Mischung aus Parlamentariern und Fachbeamten.[3] Der bisherige Außenminister Eduard Benesch (Edvard Beneš) schied eigens aus seiner Partei aus und legte sein Abgeordnetenmandat nieder. Auf ausdrücklichen Wunsch Masaryks führt er als parteiloser Minister das Außenressort weiter.[2][3] Den Posten des Finanzministers behält der Beamte Karl Englisch (Karel Engliš).[2][4] Die Verteilung der deutschen Portefeuilles wurde zuletzt noch geändert: Professor Spina übernimmt entgegen ursprünglicher Meldungen nicht das Postministerium, sondern leitet das Ministerium für öffentliche Arbeiten.[4] Das Postressort fällt an den tschechischen Katholiken Franz Nosek (František Nosek).[4] Professor Mayr-Harting wird Justizminister.[4] Beide deutschen Minister sind hauptberuflich Professoren an der Prager Universität.[3] Der angesehene Volkswirtschaftler Professor Uhlig wird darüber hinaus als Sektionschef in das Handelsministerium berufen.[4]
Die neue Regierung wird es im Parlament nicht leicht haben. Neben den deutschen und tschechischen Sozialdemokraten stellen sich auch die Kommunisten — die derzeit stärkste Fraktion — entschieden gegen das Kabinett Svehla.[3] Auf die deutschen Minister warten große Aufgaben. Besonders das Justizwesen, das in einem Nationalitätenstaat bei politischen Konflikten oft die letzte Instanz bildet, bedarf nach Ansicht von Beobachtern grundlegender Reformen.[4] Mayr-Harting hat an entsprechenden Konzepten als Rechtsgelehrter bereits mitgewirkt.[4] Gleichzeitig verfügt das Ressort für öffentliche Arbeiten unter Spina über erhebliche finanzielle Mittel, die sachgerecht eingesetzt werden können.[4] Die Deutsche Allgemeine Zeitung fasst die Lage zusammen, indem sie das neue Ministerium als eine historische Probe auf die Reife der Völker der Tschechoslowakei bezeichnet.[4]