Der langjährige Führer der britischen Liberalen, Lord Oxford und Asquith, hat vollkommen überraschend seinen unwiderruflichen Rücktritt von der Parteileitung erklärt.[1][2] Zwar kursierten in gut informierten politischen Kreisen der britischen Hauptstadt wiederholt Gerüchte über derartige Absichten.[2] Jedoch hatte sich der Gesundheitszustand des 75-jährigen Staatsmannes zuletzt merklich gebessert, weshalb man in Parteikreisen fest mit seinem Verbleib rechnete.[2][3] Umso unerwarteter trifft die Öffentlichkeit nun der Entschluss, der in Form eines Briefes an J. A. Spender, den Präsidenten der Nationalen Liberalen Föderation, mitgeteilt wurde.[1]

Den unmittelbaren Anstoß für diesen drastischen Schritt lieferte offenbar eine Abordnung von Parteimitgliedern. Wie die Badische Presse berichtet, war am vergangenen Dienstag eine Delegation der liberalen Partei bei ihrem Führer vorstellig geworden, um ultimativ eine Einigung der zerstrittenen Fraktionen zu fordern.[2] Lord Oxford erbat sich zunächst Bedenkzeit, um die Angelegenheit reiflich zu prüfen. Dann fasste er jedoch einen raschen Entschluss.[2] Beobachter ziehen bereits Parallelen zu dem historischen Rückzug von Lord Rosebery. Dieser hatte die Leitung seiner Partei seinerzeit ebenfalls durch einen Brief niedergelegt und diesen Schritt erst wenige Tage später in einer Rede erläutert.[2] Ein ähnliches Vorgehen wird nun auch bei Lord Oxford erwartet, der in Kürze in Greenock eine große öffentliche Rede halten soll.[2]

In seinem Schreiben geht der scheidende Parteichef schonungslos auf die tiefe Zerrissenheit der britischen Liberalen ein. Im Zentrum seiner Kritik steht sein parteiinterner Widersacher, der frühere Premierminister David Lloyd George.[1] Das Verhalten der beiden Männer während des britischen Generalstreiks im vergangenen Mai markiert für Lord Oxford den unüberbrückbaren Bruch. Lord Oxford zeigte sich zutiefst enttäuscht darüber, dass seine eigenen öffentlichen Erklärungen auf offenen Widerstand stießen.[1] Er rügt ausdrücklich die Weigerung Lloyd Georges, mit den liberalen Führern in einem gemeinsamen Parteirat zusammenzutreffen, um für die Dauer des Ausstandes eine einheitliche Politik zu formulieren.[4]

Aus Berichten des Pariser Figaro geht hervor, dass der alte Parteiführer resigniert feststellt, er habe alles in seiner Macht Stehende getan, um die Einheit der Liberalen zu wahren.[3] Eine wirksame Parteiarbeit sei jedoch unmöglich geworden.[1] Ein System konkurrierender Autoritäten, die über getrennte Organisationen und eigene Kassen verfügen, untergrabe jeden politischen Zusammenhalt.[5] Er könne und wolle sich an einer derartigen parteiinternen Kontroverse nicht länger beteiligen.[3]

Neben dem politischen Zerwürfnis nennt Lord Oxford auch physische Gründe für seinen Rückzug. In seinem Brief schreibt er, die Sorgen und Verantwortlichkeiten eines Parteiführers dürften nicht von einem Mann getragen werden, der den damit verbundenen Anstrengungen nicht mehr voll gewachsen sei.[4] Mit 75 Jahren sei für ihn dieser Punkt unweigerlich erreicht.[3] Dennoch plant der im Januar 1925 in den Grafenstand erhobene Politiker keineswegs, sich vollständig aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen.[5][3] Er hoffe vielmehr, dem Staat und der liberalen Sache als freier Abgeordneter weiterhin dienen zu können.[4]

Mit dem Rückzug des einstigen Premierministers endet eine bedeutende Ära der britischen Politik. Wie der in Hongkong erscheinende Telegraph in Erinnerung ruft, stand der Politiker seit dem Rücktritt von Sir Henry Campbell-Bannerman im April 1908 ununterbrochen an der Spitze der Liberalen Partei.[5] Als Regierungschef lenkte er die Geschicke des britischen Weltreichs bis zu seinem denkwürdigen Sturz im Dezember 1916.[5] Sein parlamentarischer Werdegang reicht bis in das Jahr 1886 zurück, als er erstmals für den schottischen Wahlkreis East Fifeshire in das Unterhaus einzog.[5] Die Berliner Deutsche Allgemeine Zeitung widmet dem Epilog dieser Karriere auf ihrer Titelseite lediglich eine knappe Notiz. Dies widerspiegelt den Bedeutungsverlust der einst dominierenden englischen Liberalen auf dem europäischen Kontinent.[6]

Der Konflikt zwischen den beiden liberalen Schwergewichten schwelt bereits seit jenem Dezember 1916, als Asquith von Lloyd George aus dem Amt des Premierministers gedrängt wurde.[4] Im Juni dieses Jahres kam es zum offenen Bruch, als Lord Oxford einen Brief verfasste, der Lloyd George faktisch aus der Partei ausschloss.[4] Während des Generalstreiks stellte sich Lord Oxford schützend auf die Seite der Regierung und wandte sich gegen die revolutionären Elemente.[2] Lloyd George hingegen zeigte Sympathien für den Ausstand.[2]

Mit dem Rückzug Oxfords bleibt Lloyd George vorerst als Sieger in der Parteipolitik zurück.[2] Die Washington Post geht davon aus, dass der aktuelle parlamentarische Fraktionsführer bald offiziell die Gesamtführung der Partei übernehmen wird, obgleich auch Sir John Simon — ein scharfer Kritiker der jüngsten Politik Lloyd Georges — eigene Ambitionen verfolgt.[4] Unterdessen warnen politische Kommentatoren vor einer endgültigen Spaltung der Partei. Ein bedeutender Teil der linksliberalen Wählerschaft neigt verstärkt der Labourpartei zu, was zur Auflösung der traditionsreichen liberalen Kraft führen könnte.[2]