Die 33. Tagung des Verwaltungsrates des Internationalen Arbeitsamtes wurde am Donnerstag durch den Präsidenten Fontaine und den Direktor Albert Thomas eröffnet.[1][2] Gleich zu Beginn kam es anlässlich des Tätigkeitsberichtes zu einer umfassenden Debatte über den Stand des Washingtoner Arbeitszeitabkommens.[3][4]

Auf eine Anfrage des schweizerischen Vertreters Schürch legte der deutsche Regierungsvertreter, Ministerialrat Feig, die Lage im Deutschen Reich dar.[4] Er kündigte an, dass der Entwurf für ein neues Arbeitsschutzgesetz, der die Ratifizierung des Washingtoner Abkommens vorsehe, bereits ausgearbeitet sei und dem Reichstag demnächst vorgelegt werde.[3][4][1] Jedoch äußerte Feig erhebliche Bedenken bezüglich der internationalen Entwicklung. Die jüngsten Arbeitszeitverlängerungen in anderen Staaten würden die Position der Reichsregierung vor dem Parlament merklich erschweren, zumal Teilnehmer der Londoner Konferenz gegenteilige Verordnungen erlassen hätten.[4][1] Der deutsche Arbeitnehmervertreter Hermann Müller-Lichtenberg stimmte diesen Ausführungen zu.[3][4] Er betonte, die deutsche Arbeiterschaft sei mit der bloßen Aussicht auf ein allgemeines Arbeitsschutzgesetz nicht zufrieden und bereite stattdessen ein Notgesetz vor. Damit solle der Achtstundentag rascher durchgesetzt werden.[3][4][1]

Im weiteren Verlauf der Sitzung entwickelte sich eine entschiedene Offensive der Arbeitervertreter.[5] Dabei stand ein scharfer Angriff des französischen Gewerkschaftsführers Jouhaux auf die italienische Regierung im Mittelpunkt.[4][5] Jouhaux verurteilte das kürzlich in Italien erlassene Dekret, das eine neunstündige Arbeitszeit ermöglicht, aufs Schärfste.[3][4] Er erinnerte daran, dass das Arbeitsamt seinerzeit gegen die deutsche Arbeitszeitverlängerung formell Verwahrung eingelegt habe; eine stillschweigende Billigung des italienischen Vorgehens sei nun nicht hinnehmbar.[4][5] Der französische Delegierte warf Italien einen moralischen Wortbruch vor und drohte offen mit dem Rückzug der Arbeiterschaft aus der Arbeitsorganisation.[4][1] Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung kritisch anmerkt, ließ Jouhaux dabei unerwähnt, dass Frankreich selbst noch nicht ratifiziert hat, und hob stattdessen Belgien lobend hervor.[1] Der englische Delegierte Poulton unterstützte seinen französischen Kollegen in gemäßigterem Ton. Zugleich wies er darauf hin, dass bei einer britischen Arbeiterkonferenz bereits ein Antrag zum Austritt aus dem Internationalen Arbeitsamt eingebracht worden sei.[4]

Der italienische Regierungsvertreter de Michelis trat den Vorwürfen im Einvernehmen mit den Arbeitgebern entschieden entgegen.[3][4] Italien habe das Abkommen längst unter der Bedingung ratifiziert, dass die anderen großen Industriestaaten nachziehen würden; das sei bisher jedoch nicht geschehen.[3][1] Die Einführung des Neunstundentages sei als reine Krisenmaßnahme zur wirtschaftlichen Mobilisierung des Landes zu verstehen und sei praktisch kaum angewandt worden.[3][4][1] Auch der britische Vertreter sah sich zur Verteidigung veranlasst. Er erklärte, die Verzögerungen in England seien auf den Kohlenstreik zurückzuführen, und versicherte, die längeren Schichten der Bergarbeiter würden keine allgemeine Verlängerung der Arbeitszeit nach sich ziehen.[4] In der Nachmittagssitzung wies Jouhaux — laut dem Pariser Figaro — die Argumente von de Michelis energisch zurück.[4][2] Die Arbeiterschaft, so Jouhaux, kämpfe seit 1919 gegen ein unaufrichtiges diplomatisches Vorgehen der Regierungen, worüber sie allmählich unwillig sei.[4]

Angesichts der festgefahrenen Situation bezeichnete der polnische Regierungsvertreter Sokal die Lage als ernst.[1] Er merkte an, formal seien alle Regierungen im Recht, tatsächlich sei das Abkommen jedoch nahezu nirgends ratifiziert.[1] In Polen arbeite man ohnehin nur 46 Stunden pro Woche.[1] Sokal beantragte die Einsetzung einer neunköpfigen Kommission, die beschleunigte Maßnahmen zur Ratifizierung prüfen sollte.[3][4] Die Abstimmung über diesen Antrag wurde auf Samstag verschoben.[3][4] Direktor Thomas empfahl abschließend, die nächste Internationale Arbeitskonferenz für den 25. Mai 1927 einzuberufen.[3]