Vor den Toren des Preußischen Landtages hat sich am späten Mittwochabend ein beispielloser Zwischenfall ereignet, der die ohnehin gespannte Atmosphäre zwischen den verfeindeten Fraktionen der Linken auf offener Straße zur Entladung brachte. Wie das Harburger Tageblatt berichtet, verprügelten zwei Söhne des sozialdemokratischen Abgeordneten Osterroth den kommunistischen Parlamentarier Richard Schulz aus Dittersbach in Schlesien.[1] Die Angreifer lauerten dem Abgeordneten beim abendlichen Verlassen des Gebäudes auf und attackierten ihn mit eigens mitgebrachten Hundepeitschen.[2][1] Das raue Klima im Hohen Haus, wo kommunistische Redner den Sozialdemokraten laut Berichten des Westfälischen Merkurs zuletzt unverhohlen einen „Hundecharakter“ attestierten, forderte damit ein erstes handgreifliches Nachspiel.[3]

Ausgangspunkt dieser Maßnahme der beiden jungen Männer war eine außerordentlich heftige persönliche Entgleisung während der vorangegangenen Plenarsitzung am Dienstag. Dem Hamburger Echo zufolge hatte der Abgeordnete Schulz den Sozialdemokraten Osterroth im Plenum mit schweren Schmähungen überzogen. Diese Schmähungen gingen weit über den politischen Rahmen hinaus.[2] Mitten im Sitzungssaal soll der Kommunist seinem Kontrahenten den verletzenden Vorwurf entgegengeschleudert haben: „Du hast wohl vergessen. Du Lump, dass Du noch vor kurzer Zeit Deine Frau auf die Straße geschickt hast. Du Halunke.“[2] Für den Angegriffenen, der sich als Abgeordneter der strengen parlamentarischen Disziplin unterworfen sah, war eine unmittelbare Erwiderung der Schmähung nicht möglich.[2] Die Familie des Sozialdemokraten war der Überzeugung, dass ein einfacher Ordnungsruf des Landtagspräsidenten keineswegs ausreiche, um die Ehre der Ehefrau wiederherzustellen.[2]

Die Behauptung traf eine Frau, die in schweren Zeiten treu zu ihrem Ehemann stand und zwölf Kinder großgezogen hatte, während der Vater wegen seiner politischen Überzeugung jahrelang eine Haftstrafe verbüßte.[2] Nach Angaben des Harburger Tageblattes fassten daraufhin der 21-jährige Maurer Emil Osterroth und sein 24-jähriger Bruder, der Akademiker Jakob Osterroth, den Entschluss, die Ehrverletzung an ihrer Mutter aktiv zu sühnen.[1] Der Vater der beiden jungen Männer verpflichtete sie jedoch ausdrücklich, keinesfalls innerhalb der Bannmeile oder in den Räumen des Landtages gegen den Verleumder vorzugehen.[1] Osterroth betonte, dass er die parlamentarische Würde des Hauses unter keinen Umständen verletzt sehen wolle.[1]

Die beiden Brüder sahen dennoch von ihrem Vorsatz nicht ab. Sie ignorierten alle Abmahnungen von dritter Seite, selbst auf die Gefahr hin, für ihr Vorgehen ins Gefängnis zu kommen.[1] Erst gegen zehn Uhr abends stellten sie Schulz schließlich auf der Straße und verabreichten ihm mit den Peitschen eine Lektion.[2][1] Die Züchtigung fiel so derb und kräftig aus, dass der Kommunist laut winselte und umgehend nach der Polizei rief.[2][1] Beobachter notierten mit Spott, dass ausgerechnet ein Anhänger der extremen Linken, der sonst öffentlich Verachtung für die Staatsgewalt predigt, laut um polizeilichen Schutz bat.[2] Die Söhne Osterroths wurden unmittelbar nach der Tat abgeführt und dem Berliner Polizeipräsidium überstellt.[1]

Während die Prügel ihre Wirkung offenbar nicht verfehlt haben, bemüht sich Schulz nun eilig, den Vorfall zu entschärfen. Er erklärte inzwischen, er habe seinem sozialdemokratischen Kollegen in der erregten Debatte zwar Beleidigungen zugerufen, diese hätten sich jedoch auf politische Ereignisse bezogen.[2] Er sei sich jedoch nicht bewusst, den Namen der Frau Osterroth ausdrücklich erwähnt zu haben.[2] Der Vater der beiden Angreifer lässt diese Entschuldigung nicht gelten. Er betonte, dass es nach seiner Überzeugung kein anderes Mittel für Männer gebe, wenn die Würde einer deutschen Mutter in einer solchen Weise angegriffen werde.[1] Osterroth fügte hinzu, er hoffe, dass der kommunistische Parlamentarier durch die Hiebe für sein weiteres Leben geprägt sei.[1]