Die politischen Kreise in Warschau blicken mit wachsender Beunruhigung auf die jüngsten Ereignisse in der Tschechoslowakei.[1] Den Anlass zur Sorge bietet der Eintritt zweier deutscher Minister in das Prager Kabinett Švehla.[1] Man befürchtet an der Weichsel, dass die Tschechoslowakei nun verstärkt eine wirtschaftliche und in der Folge auch eine politische Annäherung an das Deutsche Reich suchen werde.[1]

Besondere Nervosität löst die Annahme aus, dass die Prager Regierung dem deutsch-französischen Eisenkartell beitreten wolle.[1] Ein solcher Schritt würde die metallurgische Industrie Polens empfindlich treffen und das Land von wichtigen Märkten verdrängen.[1] Der Warschauer *Kurjer Czerwony* warnt bereits vor einer wirtschaftlichen Isolierung Polens.[1] Das Blatt verweist auf in London in aller Stille geführte deutsch-englische Wirtschaftsverhandlungen und bezeichnet das Verhalten Englands als Zugeständnis an die deutsche Expansion.[1] Es bestehe eine gezielte Tendenz der deutschen Politik, Polen durch wirtschaftliche Abschnürung in die politische Isolation zu drängen.[1]

Während Warschau alarmiert reagiert, gilt in Prag der 13. Oktober als denkwürdiger Tag. Erstmals seit dem Friedensschluss übernehmen Vertreter der deutschen Minderheit Regierungsposten.[2] Wie der *Westfälische Merkur* festhält, beendet dieser Schritt formell einen achtjährigen erbitterten Kampf.[2] Die Annäherung beruht jedoch weniger auf einem grundlegenden Wandel in der Nationalitätenpolitik, sondern vielmehr auf der nüchternen Basis gemeinsamer Klasseninteressen, besonders zwischen tschechischen und deutschen Agrariern sowie christlich-sozialen Gruppen.[2]

Ministerpräsident Švehla gab in der Kammer eine neue Regierungserklärung ab, in der er die Lösung der Wirtschaftskrise und die Steuerreform in den Vordergrund stellte.[1] Er betonte, dass der Staat ein „klassisches Beispiel“ für die engen Beziehungen verschiedener nationaler Kulturen sei, und forderte gemeinsame Arbeit für ein harmonisches Zusammenleben.[1] Dass sich die Gegensätze allmählich abschleifen, zeigt auch eine erste personelle Konsequenz: Der bekannte deutsche Volkswirt Dr. Karl Uhlig aus Karlsbad soll in das tschechoslowakische Handelsministerium berufen werden.[2]

Die internationale Presse beurteilt den Vorgang — trotz der Warschauer Vorbehalte — als historisch bedeutsam. Die *Germania* stellt fest, dass die Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich nun auch in der Tschechoslowakei Wirkung zeige.[2] Die Sudetendeutschen dürften die Nutznießer dieser Wandlung sein.[2]