Im steiermärkischen Landtag haben sich in den vergangenen Tagen schwere Sturmszenen abgespielt, die den Ablauf der parlamentarischen Sitzungen in Graz nahezu lahmlegen.[1] Bemerkenswert an dieser verfahrenen Situation ist die Tatsache, dass die Tumulte keineswegs spontan entstehen.[1] Vielmehr werden sie von den beiden großen Fraktionen — der christlichsozialen Regierungspartei und der sozialdemokratischen Opposition — planmäßig herbeigeführt.[1]

Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht der amtierende österreichische Kultusminister Dr. Rintelen (Anton Rintelen).[1] Die Sozialdemokraten sind fest entschlossen, seine Wahl zum steiermärkischen Landeshauptmann mit allen parlamentarischen Mitteln zu vereiteln.[1] Die Christlichsozialen halten dennoch unbeirrt an der Kandidatur Rintelens fest.[1] Sie streben damit jedoch nicht ernsthaft einen Wahlerfolg an. Ihr Kalkül besteht vielmehr darin, den Landtag durch die zu erwartende Obstruktion der politischen Gegner in eine unlösbare Krise zu manövrieren und letztlich seine Auflösung herbeizuführen.[1] Um diese angespannte Lage zuzuspitzen, hat Rintelen selbst in den Debatten scharfe Angriffe gegen die Sozialdemokraten gerichtet.[1]

Die Atmosphäre im Saal ist in einem solchen Maße vergiftet, dass man sich gegenseitig offen der Gaunerei bezichtigt.[1] Wie das Berliner Tageblatt berichtet, ist es allein dem besonnenen Eingreifen der kleineren, neutralen Parteien zu verdanken, dass die verbalen Entgleisungen bisher nicht in offene Schlägereien umgeschlagen sind.[1]

Ein Ende der Krise ist vorerst nicht in Sicht. In politischen Kreisen rechnet man damit, dass die Skandalszenen noch mindestens eine Woche andauern werden.[1] Die Taktik der Opposition ist auf konsequente Verzögerung ausgelegt: Alle 24 sozialdemokratischen Abgeordneten haben sich formell zu Wort gemeldet.[1] Der erste Redner befindet sich derzeit auf der Tribüne und hält eine besonders langatmige Rede, die den Fortgang der Sitzung blockiert.[1]