Der britische Außenminister Sir Austen Chamberlain hat in dieser Woche den sowjetischen Geschäftsträger Leonid Krassin empfangen, der soeben aus Moskau zurückgekehrt ist.[1] Wie der Pariser Figaro berichtet, brachte diese lange mit Spannung erwartete Unterredung keinerlei neue Elemente in die Debatte, sondern bestätigte lediglich den Status quo der diplomatischen Beziehungen.[1]
Das Haupthindernis für eine wirtschaftliche Annäherung bleibt die Schuldenfrage. Krassin schlug vor, Großbritannien möge der Sowjetunion neue Kredite gewähren, um dadurch vielleicht eine gütliche Einigung über die Alt- und Vorkriegsschulden zu erzielen.[1] Die Antwort des Foreign Office auf diesen Vorschlag fiel jedoch unmissverständlich aus. Chamberlain machte deutlich, dass ausschließlich der freie Markt das Kapital für eine russische Anleihe aufbringen könne.[1] Jeder private Kredit hänge zwingend davon ab, dass die Sowjetregierung ihre bestehenden Verpflichtungen sowie die fälligen Entschädigungen für konfisziertes britisches Eigentum anerkenne.[1]
Die britische Regierung — angeführt von Premierminister Stanley Baldwin und Lord Arthur Balfour — versucht, einen mittleren Kurs zu steuern und unnötige politische Provokationen zu vermeiden.[1] Diese moderate Linie stößt auf heftigen Widerstand der konservativen Hardliner um Winston Churchill und Lord Birkenhead.[1] Jene fordern den vollständigen Abbruch der Beziehungen und die Ausweisung der sowjetischen Vertreter. Sie sehen hinter den antibritischen Bewegungen in China, Persien und Afghanistan die gezielte Hand Moskaus.[1]
Auf der anderen Seite des politischen Spektrums drängt die Labour-Partei auf eine rasche Ausweitung der Handelsbeziehungen, um britische Landmaschinen gegen russischen Weizen zu tauschen.[1] Auch bei den Liberalen findet diese Haltung starken Anklang. Dort folgt man weiterhin den außenpolitischen Vorstellungen David Lloyd Georges.[1] Lloyd George versucht, seine Stellung auszubauen, nachdem der Rücktritt Lord Oxfords die liberale Partei in eine tiefe Führungskrise gestürzt hat, wie die Badische Presse anmerkt.[2] Derweil registriert auch die deutsche Provinzpresse, etwa das Harburger Tageblatt, aufmerksam die wiederkehrenden Gerüchte um Krassin und Moskaus Propaganda in England.[3]