Die reichste Hafenmetropole und der strategische Schlüsselpunkt Chinas bereitet sich auf die Belagerung vor. Fünf Jahre lang war Shanghai der begehrte Preis unzähliger Feldzüge rivalisierender Generäle, doch nun sieht sich die Stadt einer weitaus fundamentaleren Bedrohung ausgesetzt. Die sogenannte Rote Armee der Kantonesen bahnt sich unaufhaltsam ihren Weg nach Norden und hat das bisherige Machtgefüge der östlichen Provinzen ins Wanken gebracht.[1] Das eilig verhängte Kriegsrecht zeugt von der wachsenden Nervosität der lokalen Militärbehörden. Die internationalen, französischen und städtischen Räte haben ihre Polizei- und Freiwilligenverbände in höchste Alarmbereitschaft versetzt.[2]

Laut dem Pariser Figaro haben die Verteidiger umgehend mit dem Ausheben ausgedehnter Schützengräben rund um die Stadtgrenzen begonnen.[3] Auf rasch errichteten Plattformen wird schwere Artillerie installiert, da man das Eintreffen der kantonesischen Hauptstreitmacht bereits für die erste Wochenhälfte erwartet.[3] Zwischen den Vorposten der feindlichen Linien unweit von Hsin Tschuang, knapp vierzehn Meilen von den Toren Shanghais entfernt, kam es bereits zu ersten Feuergefechten.[1] Währenddessen strömen zahlreiche Flüchtlinge in die ausländischen Niederlassungen. Sie suchen dort Schutz vor den herannahenden Kriegswirren.[2]

Der Verteidiger dieser Schlüsselregion, General Suntschuanfang, der bislang fünf Ostprovinzen diktatorisch beherrschte, sieht sich mit einer doppelten Katastrophe konfrontiert. Ein entscheidender Schlag ist der Abfall seines wichtigsten Untergebenen.[1] Wie die China Mail meldet, hat Hsiatschao (Hsia Chao), der Zivilgouverneur der Provinz Tschekiang, seine offene Unabhängigkeit erklärt; nun marschiert er gegen seinen einstigen Verbündeten.[2] Dieser strategische Verrat gilt als sorgfältig eingefädelter Teil der Kuomintang-Offensive zur Schwächung der Nordarmee.[2] Zwar beteuert Hsiatschao in Zirkularen offiziell seine Loyalität, doch rücken nach übereinstimmenden Berichten Truppen aus Hangtschau in Richtung Shanghai vor.[4] Die Angaben über die Truppenstärke schwanken beträchtlich: Während britische Blätter von etwa 4000 Mann sprechen, die bereits Kashing passiert haben sollen,[4] beziffern der Temps und die Helsingin Sanomat die heranrückende Streitmacht auf bis zu 20.000 Soldaten.[5][6] Eine der ersten Maßnahmen der Aufständischen bestand darin, die wichtige Eisenbahnverbindung zwischen Hankau und Shanghai zu unterbrechen.[3]

Zu diesem militärischen Debakel kommt ein schweres logistisches Unglück hinzu, das die Nachschublinien Suntschuanfangs empfindlich getroffen hat. Vor der Stadt Kiukiang, etwa 480 Meilen nordöstlich von Kanton, explodierte der Truppentransporter Kuang Yung.[3][5] Das Schiff, das Suntschuanfang eigens requiriert hatte, war mit tausenden Artilleriegranaten sowie mit rund 1500 Soldaten der Verstärkungstruppen beladen.[6] Dem Hong Kong Telegraph zufolge geriet der Dampfer beim Anlegen plötzlich in Brand. Die nachfolgenden gewaltigen Detonationen lösten eine Panik aus.[4] Hunderte Soldaten sprangen in den Jangtsekiang und ertranken.[4] Die Explosionen wirkten so stark, dass die Ankerkette durchtrennt wurde und das brennende Wrack unkontrolliert flussabwärts trieb. Es gefährdete weitere, kleinere Schiffe, ehe es im Flachwasser auf Grund lief.[4] Laut einem Bericht der Washington Post kamen bei diesem Unglück schätzungsweise 1200 Menschen ums Leben.[1] Zwar behauptet ein offizielles Kommuniqué Suntschuanfangs weiterhin, es habe keinerlei Opfer gegeben, doch diese beschönigende Darstellung wird durch sämtliche unabhängigen Meldungen widerlegt.[4]

Die militärische Disziplin der Nordallianz zerfällt nun an mehreren Fronten. Im unmittelbaren Hinterland greift offene Meuterei um sich. Nach Angaben des Figaro haben sich mehrere in Nanking untergebrachte Regimenter erhoben und sind zu den Kantonesen übergegangen.[3] Zudem verweigern laut Beobachtern zahlreiche alliierte Kommandeure, deren Eingreifen bei Nantschang dringend erwartet worden wäre, ihre Unterstützung oder verhalten sich auffällig neutral. Dies behindert die Operationen gegen den Süden erheblich.[2]

Eine weitere Hiobsbotschaft für die ohnehin bedrängte Zentralregierung in Peking liefert der Temps: General Fengjusian (Feng Yuxiang) hat sich nun offiziell mit Kanton solidarisiert und Teile seiner Truppenverbände entlang des Gelben Flusses in Marsch gesetzt, um die Operationen gegen den Norden zu unterstützen.[5]

General Suntschuanfang selbst hat angesichts der sich überstürzenden Ereignisse seinen Kommandoposten in Kiukiang hastig verlassen.[1] Er soll sich auf ein Kanonenboot begeben und in die unwirtliche Region des Poyang-Sees zurückgezogen haben.[4] Das Schicksal Shanghais, so folgert der Hong Kong Telegraph in einer abschließenden Einschätzung der Lage, hängt nun einzig von der Loyalität der noch verbliebenen Kommandeure in den Außenbezirken der Stadt ab. An dieser Loyalität hegt man in ausländischen Kreisen angesichts der jüngsten Verratsfälle erhebliche Zweifel.[4]