Die sowjetrussische Regierung hat eine grundlegende Neuausrichtung ihrer Wirtschaftspolitik vorgenommen. Nach ausführlichen Berichten der Moskauer Prawda mussten die Wirtschaftsplaner erhebliche Lehren aus den tiefgreifenden Planungskrisen des Vorjahres ziehen.[1] Die ehrgeizigen Export- und Importprogramme für das Jahr 1925/26 erwiesen sich als unrealistisch und mussten mitten in der laufenden Periode drastisch korrigiert werden.[1]

Wie aus den Publikationen der Parteizeitung hervorgeht, startete die Sowjetunion mit einer erheblichen Auslandsverschuldung und einem wachsenden Produktionsapparat in das Wirtschaftsjahr. Dieser Apparat benötigte dringend ausländische Rohstoffe.[1] Stark übertriebene Ernteerwartungen führten zu einer massiven Fehlkalkulation.[1] Der ursprünglich im Juli gefasste Exportplan in Höhe von 1,059 Milliarden Rubel musste im Februar auf 720 Millionen Rubel gesenkt werden.[1] Entsprechend wurde das Importprogramm von 1,009 Milliarden auf 686 Millionen Rubel zusammengestrichen.[1]

Die Prawda räumt offen ein, dass die finanzielle Manövrierfähigkeit der Regierung stark eingeschränkt war.[1] Zum Zeitpunkt der Planänderung waren bereits Einfuhrgenehmigungen für rund 500 Millionen Rubel erteilt.[1] Anfangs konzentrierte sich die Einfuhrpolitik auf Konsumgüter und landwirtschaftliche Maschinen, um den Warenaustausch mit der Landbevölkerung zu beleben. Schließlich trug jedoch die heimische Industrie die Hauptlast der plötzlichen Importkürzungen.[1]

Um eine Wiederholung dieser Engpässe zu vermeiden, sieht der neue Wirtschaftsplan für 1926/27 eine radikale Verschiebung der Prioritäten zugunsten der Schwerindustrie vor.[1] Die Einfuhr von Gegenständen des breiten Bedarfs wird fast vollständig gedrosselt.[1] Machten diese Konsumgüter im Importplan des Jahres 1924/25 noch 30 Prozent aus, sanken sie 1925/26 auf 13 Prozent und sollen im kommenden Jahr weniger als acht Prozent betragen.[1] Vor dem Krieg, im Jahr 1913, lag dieser Anteil bei 28,7 Prozent.[1]

Im Gegenzug steigt der Anteil der industriellen Ausrüstung auf 79,4 Prozent des gesamten Importvolumens.[1] Während im Jahr 1924/25 noch doppelt so viele Konsumgüter wie Maschinen eingeführt wurden, sind für 1926/27 Investitionen in Produktionsanlagen von 326,7 Millionen Rubel vorgesehen — gegenüber lediglich 58,5 Millionen Rubel für Verbrauchsgüter.[1] Die angespannten Kreditbedingungen im Ausland zwingen die sowjetischen Wirtschaftsführer zu größerer Vorsicht bei der Haushaltsführung.[1] Ziel ist es, kurzfristige Kredite zu reduzieren und notwendige Währungsreserven aufzubauen.[1] Der erklärte Leitgedanke der neuen Wirtschaftslenkung ist es, die Sowjetunion von einem bloßen Importeur maschineller Ausrüstung in einen eigenständigen Produzenten zu verwandeln.[1]