Ein beispielloser Aufruf zur wirtschaftlichen Vernunft erfasst die europäische Öffentlichkeit. Führende Bankiers und Industrielle aus 16 europäischen Staaten haben ein internationales Manifest unterzeichnet, das am Mittwochmorgen zeitgleich in London und den wichtigsten Hauptstädten des Kontinents veröffentlicht werden soll.[1][2] Die Tragweite dieses Schrittes wird in der britischen Presse hoch eingeschätzt; so bezeichnete die Daily News das Papier bereits im Vorfeld als eines der wichtigsten Dokumente seit der Unterzeichnung des Versailler Vertrages.[1] Im Kern richtet sich die konzertierte Kundgebung gegen die ausufernden Handelshindernisse, die nach Ansicht der Verfasser die Rückkehr zum allgemeinen Wohlstand in Europa blockieren.[2]
Die Unterzeichner lenken den Blick auf die alarmierenden wirtschaftlichen Fehlentwicklungen der Nachkriegszeit. Dem Hamburger Echo zufolge rügt das Dokument schonungslos, in welchem Ausmaß Tarifbarrieren, Speziallizenzen und rigide Einfuhrverbote den natürlichen Ablauf des internationalen Handels behindern.[2] Der historische Zusammenbruch großer politischer Gebietseinheiten habe zur Errichtung zahlreicher neuer Grenzen geführt. Diese würden nun eifersüchtig durch Zollgesetze gesperrt.[3] Alte Absatzmärkte seien verschwunden, während politische und nationale Gegensätze ehemals florierende Wirtschaftsgemeinschaften zerrissen hätten.[3][2] Hinter diesen künstlichen Zollmauern seien vielfach Lokalindustrien entstanden, die jeglicher ökonomischen Grundlage entbehrten und lediglich durch immer höhere Zölle vor der ausländischen Konkurrenz geschützt werden müssten.[3]
Die Folgen dieser Abschottungspolitik seien verheerend für den gesamten Kontinent. Eisenbahntarife, die primär von politischen Überlegungen anstatt von wirtschaftlichen Notwendigkeiten diktiert seien, machten den europäischen Transitverkehr schwierig und teuer.[2] Insgesamt sei eine künstliche Teuerung hervorgerufen worden. Gleichzeitig sei die Gesamtproduktion zurückgegangen und die Kreditvergabe habe sich verringert.[3][2] Die Verfasser des Manifests betonen in diesem Zusammenhang ausdrücklich: „Handel ist kein Krieg, sondern ein Austauschprozess.“[3] In Friedenszeiten seien die Nachbarn zugleich die wichtigsten Kunden, weshalb ihr Wohlstand die elementare Vorbedingung für das eigene Wohlergehen sei.[3]
Diese aufsehenerregende Aktion der Finanzwelt steht in engem Zusammenhang mit den Bemühungen der Internationalen Handelskammer. Deren Verwaltungsrat tritt am morgigen Tag in Paris zusammen.[1] Wie der Westfälische Merkur berichtet, wird das Gremium dort den Bericht seines Zentralausschusses zur Beseitigung der Handelshindernisse entgegennehmen.[1] Da diese Arbeiten in engster Fühlungnahme mit den Gremien für die kommende Weltwirtschaftskonferenz des Völkerbundes geleistet wurden, soll das Manifest offenbar der institutionellen Arbeit zu mehr öffentlicher Resonanz verhelfen.[1] Zudem fordern die Unterzeichner langfristige Handelsverträge auf der stabilen Grundlage der Meistbegünstigung.[2]
Die Reaktionen in den politischen Zentralen Europas fallen indes gemischt aus. Im französischen Finanzministerium herrscht kühle Distanz vor.[3] Nach Informationen der Badischen Presse erklärte man dort, die Regierung halte die Kundgebung für verfehlt.[3] Paris vertritt die Ansicht, dass neugegründete Staaten wie die Tschechoslowakei und Südslawien zwingend auf Zollschranken angewiesen seien, um ihre junge Staatlichkeit zu bewahren.[3] Zudem pocht Frankreich darauf, als Agrarstaat seine eigene, aufstrebende Industrie schützen zu müssen.[3] Auch in Deutschland warnen Fachkreise vor einem bedingungslosen Freihandel: Da die deutsche Wirtschaft mit einer stabilen Währung arbeite, könne ein rascher Zollabbau zu einem verheerenden Warendumping durch jene Länder führen, die noch immer mit inflationären Währungen operieren.[3]