Unter feierlichen Auspizien hat am heutigen Morgen die vierzehnte britische Reichskonferenz begonnen.[1][2] Als Auftakt zu den mehrwöchigen Verhandlungen versammelten sich die Vertreter Großbritanniens und der Dominions in der Westminsterabtei.[3] Dort enthüllte der Prinz von Wales im Gedenken an den Weltkrieg eine steinerne Tafel für jene Angehörigen der britischen Nation, die auf den Schlachtfeldern gefallen sind.[4][5] Die Widmung auf dem Denkmal lautet: „Zur Ehre Gottes und zum Gedenken an 1.000.000 Tote des britischen Empire, die im Großen Krieg 1914–1918 fielen.“[5] Der Text erinnert daran, dass die Gefallenen in allen Teilen der Erde und auf allen Weltmeeren ruhen.[5] An der ergreifenden Zeremonie nahmen der britische Premierminister Stanley Baldwin, das gesamte Kabinett sowie sämtliche Delegierten der Reichskonferenz teil.[1]

Nachdem bereits am Sonntagabend der kanadische Premierminister William Lyon Mackenzie King als letzter Überseevertreter eingetroffen war, sind die Teilnehmer nun vollzählig in London versammelt.[6] Im historischen Sitzungssaal in der Downingstreet Nummer zehn trat die Konferenz um 11 Uhr zu ihrer ersten offiziellen Zusammenkunft zusammen.[6][4] Premierminister Baldwin führte den Vorsitz und hieß die angereisten Staatsmänner formell willkommen.[6][3] Die Erwiderungen erfolgten durch die jeweiligen Regierungschefs der Dominions. Im Anschluss beschloss die Versammlung, eine feierliche Loyalitätsbotschaft an den britischen König zu richten.[3][4] Da die Reichskonferenz den Status einer Sitzung des imperialen Kabinetts genießt, werden die künftigen Verhandlungen unter strengster Vertraulichkeit geführt.[6]

Neben dem englischen Regierungschef vertreten Lord Balfour, der britische Außenminister Sir Austen Chamberlain sowie Kolonialminister Leopold Amery das Londoner Mutterland.[6] Amery wird am heutigen Abend anlässlich der Eröffnung der Konferenz eine weitreichende Rundfunkrede über das britische Reich halten.[1] An dem großen Ratstisch in der Downingstreet haben sieben Premierminister Platz genommen.[6] Von diesen sind vier bereits erfahrene Teilnehmer. Sie wohnten schon der letzten Reichskonferenz im Jahre 1923 bei: Baldwin, Mackenzie King, der australische Regierungschef Stanley Melbourne Bruce sowie William Thomas Cosgrave, der den irischen Freistaat vertritt.[6][1] Als Neulinge auf dem diplomatischen Parkett der imperialen Politik treten in Erscheinung: Joseph Gordon Coates für Neuseeland, General James Hertzog für Südafrika sowie Walter Stanley Monroe für Neufundland.[6][1] Das indische Kaiserreich wird durch den Staatssekretär für Indien, Lord Birkenhead, und den Maharadscha von Burdwan repräsentiert. Birkenhead nimmt in dieser Eigenschaft erstmals an der Reichskonferenz teil.[6][1]

Das diesjährige Zusammentreffen, für das eine Dauer von sechs Wochen veranschlagt ist, zeichnet sich durch zwei wesentliche Vorteile gegenüber allen früheren Konferenzen aus.[6][1] Wie Beobachter hervorheben, stützen sich sämtliche Premierminister der Dominions — mit der alleinigen Ausnahme des irischen Freistaates — in ihren heimatlichen Parlamenten auf absolute Mehrheiten.[6] Sie können mit uneingeschränkter Autorität als wahre Repräsentanten der öffentlichen Meinung ihrer Länder sprechen.[6] Ein zweiter günstiger Umstand besteht darin, dass die drängendsten Probleme, welche das Empire gegenwärtig beschäftigen, in den vergangenen Monaten bereits einer gründlichen öffentlichen Erörterung unterzogen wurden.[6]

Schon am Mittwoch wird die Konferenz in die Sacharbeit eintreten. Die britische Außenpolitik und insbesondere die Verträge von Locarno sollen dabei den Auftakt bilden.[1] Sir Austen Chamberlain wird die Verhandlungen mit einem umfassenden Bericht über seine Amtsführung und die internationalen Beziehungen einleiten.[1][4] Dem Leitartikel der Londoner Times zufolge haben sich seit der letzten Zusammenkunft im Empire zahlreiche verfassungsrechtliche und diplomatische Schwierigkeiten ergeben, die nicht bloß theoretischer Natur sind.[6] Der Locarno-Vertrag etwa wurde vom englischen Auswärtigen Amt auf eigene Verantwortung ausgehandelt. Die Regierungen der Dominions waren an der Abfassung nicht beteiligt.[6] Diese eigenmächtige Vorgehensweise Londons hat in den Überseegebieten erhebliche Beachtung gefunden und die Frage nach der diplomatischen Einheitlichkeit des Weltreichs aufgeworfen.[6]

Besonderes Gewicht kommt den Autonomiebestrebungen der Dominions zu. So hat Kanada in Übereinstimmung mit den Beschlüssen der vorangegangenen Konferenz eigenständig ein lokales Fischereiabkommen mit den Vereinigten Staaten von Amerika abgeschlossen.[6] Überdies fasste die Regierung in Ottawa den Entschluss, einen eigenen diplomatischen Gesandten in Washington zu ernennen.[6] Australien ging in diesem Bestreben nach Repräsentation noch weiter und entsandte neben seinem Oberkommissar einen eigenen politischen Vertreter in die britische Hauptstadt.[6] Die Ernennung des kanadischen Gesandten in Washington wird in politischen Kreisen als Zeichen eines wachsenden Interesses Kanadas an der Weltpolitik ausdrücklich begrüßt.[6] Auch die traditionellen Befugnisse des Generalgouverneurs in Kanada haben zuletzt zu lebhaften Erörterungen geführt.[6]

Dennoch dämpfte Premierminister Mackenzie King entsprechende Erwartungen auf spektakuläre Verfassungskonflikte sogleich nach seiner Ankunft. Nach einem Besuch des australischen Kollegen Bruce im Kanadahaus stellte sich King der Auslandspresse.[1] Er erklärte mit Nachdruck, dass er nicht die Absicht hege, die Verfassungsfrage und die Stellung des Generalgouverneurs vor das Forum der Reichskonferenz zu bringen.[1] Energisch wandte er sich gegen das in letzter Zeit laut gewordene Gerede über eine angebliche Amerikanisierung Kanadas, das er als Unsinn bezeichnete.[1] Kanada benötige Kapital, und wenn in London nicht ausreichend Mittel zur Verfügung stünden, müsse man diese aus den Vereinigten Staaten beschaffen.[1] Kapital, so King wörtlich in der indirekten Wiedergabe der Berichterstatter, sei international und heimatlos.[1] Dem Berliner Tageblatt und der Deutschen Allgemeinen Zeitung zufolge betonte der kanadische Premier, dass man sich weder durch amerikanische Literatur noch durch den Film von Großbritannien losreißen lasse.[6][1] Niemand in Kanada nehme das Geschwätz über eine Annexion durch Amerika ernst; die Beziehungen zum Mutterland seien vielmehr besser als je zuvor.[1]

Die internationale Presse verfolgt die Zusammenkunft derweil mit scharfer Aufmerksamkeit. Die Moskauer Prawda etwa misst der Reichskonferenz eine außerordentliche Bedeutung bei.[2] Das sowjetische Parteiorgan verweist auf die wirtschaftliche Zwangslage des Empire und die Tatsache, dass unzählige Auswanderer in der Hoffnung auf Arbeit nach Australien und Kanada strömen.[2] Dort, so sieht man es in Moskau, vergrößern sie lediglich die Reihen der Arbeitslosen in den Dominions.[2]

Das politische Programm der Reichskonferenz wird von einer Fülle repräsentativer und militärischer Ereignisse umrahmt.[1] Der britische Zweig der Liga für den Völkerbund hat die Delegierten zu einem festlichen Essen geladen.[1] In militärischer Hinsicht sind ein Schaufliegen von Militärflugzeugen, am 30. Oktober eine Flottenparade sowie auf dem Übungsplatz Aldershot die Vorführung neuartiger Panzerfahrzeuge vorgesehen.[1] Dass die Bande zwischen dem Mutterland und den Dominions auch in der militärischen Erinnerung tief verwurzelt sind, zeigte sich bereits am Vorabend der Konferenz. Premierminister Bruce stiftete der Gedenkkapelle der 29. Division im südöstlichen Londoner Stadtteil Eltham zwei australische Fahnen.[5] Der australische Regierungschef hatte im Weltkrieg selbst als Offizier in eben jener Division auf Gallipoli gedient und das Militärkreuz erworben.[5] In einer kurzen Ansprache erinnerte Bruce an die Kameradschaft zwischen den Truppen Australiens, Neuseelands und Großbritanniens, die sich in den unvergänglichen Taten auf den Höhen von Gallipoli aufs Engste verschmiedet habe.[5]