DATELINE: Peking, 31. März.
Der Kampf um die Herrschaft in Nordchina spitzt sich weiter zu, während die militärische Lage rund um die alte Kaiserstadt zunehmend unübersichtlich wird. Nach übereinstimmenden Meldungen hat Marschall Fengjusian Peking erneut mit seinen Truppen besetzt.[1] Der Führer der sogenannten Nationalarmee gedenkt offensichtlich, die Hauptstadt als politisches und militärisches Pfand in den laufenden Auseinandersetzungen zu nutzen.[1] Peking wird derweil zunehmend von der Außenwelt abgeschnitten — die lebenswichtige Eisenbahnverbindung zwischen der Hauptstadt und der Küstenstadt Tientsin (Tianjin) ist bereits seit drei Tagen vollständig unterbrochen.[1]
Die Befehlshaber der Nationalarmee geben sich angesichts der feindlichen Umklammerung jedoch ungebrochen zuversichtlich. Wie der Westfälische Merkur berichtet, erklärte General Lutschunglin (Lu Zhonglin), dass die Stellung seiner Truppen durch die erzwungene Verkürzung der militärischen Verbindungslinien nunmehr stärker denn je sei.[1] Diese Einschätzung dürfte durch die strategischen Verzögerungen auf der Gegenseite gestützt werden. Nach Angaben der Prawda haben die feindlichen Verbände unter der Führung von Tschangtsolin ihren raschen Vormarsch auf Peking vorerst eingestellt.[2] Als Grund für das plötzliche Innehalten gelten schwere Differenzen zwischen dem mandschurischen Kriegsherrn und seinen ranghohen Befehlshabern, die eine einheitliche Operationsführung derzeit unmöglich machen.[2]
Die militärischen Spannungen übertragen sich unweigerlich auf das Innere der Hauptstadt, in der nervöse Unruhe herrscht. Der Hong Kong Telegraph meldet, dass es bei jüngsten Tumulten auf den Straßen Pekings zu heftigen Auseinandersetzungen kam, bei denen vierzehn Personen ernsthafte Verletzungen erlitten.[3] Inmitten dieser bürgerkriegsähnlichen Wirren und der drohenden Belagerung wird bemerkenswerterweise die massive alte Stadtmauer durchbrochen, um ein neues Verbindungstor zwischen der Tatarenstadt und dem chinesischen Stadtteil zu errichten.[3]
Parallel zu den Truppenbewegungen entfaltet sich eine rege diplomatische Aktivität, bei der insbesondere das Verhalten der Vereinigten Staaten kritisch beobachtet wird. Das amerikanische Staatsdepartement sah sich in Washington zu einem offiziellen Dementi genötigt. Man wies entschieden zurück, dass der amerikanische Gesandte in Peking, MacMurray, der alleinige Urheber des jüngsten Ultimatums an China im Zusammenhang mit den Vorfällen im Hafen von Taku gewesen sei.[2] Vielmehr habe er lediglich im Einvernehmen mit den übrigen Großmächten gehandelt.[2] Dem Moskauer Blatt zufolge sprach sich MacMurray zudem ausdrücklich gegen einen weitreichenden Plan anderer ausländischer Diplomaten aus, der eine formelle „Neutralisierung" Pekings vorsah.[2] Der amerikanische Gesandte befürchtete demnach, dass ein solcher Schritt faktisch auf eine direkte militärische Intervention hinauslaufen und schwerwiegende internationale Verwicklungen nach sich ziehen würde.[2] Nichtsdestoweniger wird in der sowjetrussischen Presse scharfe Kritik geübt: Die Tinte unter dem Ultimatum gegen die Nationalarmee sei noch nicht trocken, und schon präsentiere sich die amerikanische Diplomatie als Beschützerin des chinesischen Volkes.[2] Ferner trat Washington hartnäckigen Gerüchten aus englischen Quellen entgegen, wonach es in China zu gezielten Ausschreitungen gegen amerikanische Missionare gekommen sei.[2]