Paris, 31. März. Die kostspieligen kolonialen Verwicklungen der Französischen Republik in Nordafrika und im Nahen Osten werfen zunehmend ihre Schatten auf die innenpolitische Stabilität. Im Finanzausschuss der Pariser Kammer entspann sich am Dienstag eine lebhafte Debatte über die Bewilligung neuer Kredite für die Feldzüge in Marokko und Syrien.[1] Kriegsminister Painlevé bezifferte die Ausgaben für den marokkanischen Schauplatz auf 87 Millionen Franken im Januar und 79 Millionen im Februar, während der Syrieneinsatz in beiden Monaten jeweils 37 Millionen verschlang.[1] Für März und April rechnet die Regierung mit weiteren 49 respektive 23 Millionen Franken.[1] Dem Westfälischen Merkur zufolge forderte der sozialistische Abgeordnete Charles Baron am Ende der Aussprache eine Kürzung der Syrienkredite um eine Million Franken.[1]

Ministerpräsident Briand verteidigte die Regierungslinie vehement und erklärte, ein sofortiger Abzug aus den Krisengebieten würde Wirren nach sich ziehen, die noch verheerender als der jetzige Krieg wären.[1] Frankreich taste die Unversehrtheit des Rifgebietes nicht an, weigere sich jedoch, das Opfer von Hinterlist zu werden oder die verbündeten Stämme schutzlos schrecklichen Vergeltungsmaßnahmen preiszugeben.[1] Trotz dieses Appells wurde Barons Kürzungsantrag mit 268 gegen 265 Stimmen angenommen, da sich zahlreiche Sozialisten und Radikale gegen das Kabinett stellten.[1] In den Wandelgängen der Kammer wurde dieser Affront auch als Nachwirkung der jüngsten Pariser Stichwahl gedeutet, die den Kommunisten Auftrieb gab.[1]

Parallel zu den parlamentarischen Kämpfen verdichten sich die Anzeichen für militärische und diplomatische Entscheidungen. Auf dem Quai d’Orsay fand eine ausführliche Konferenz zwischen Briand, Painlevé, Generalresident Steeg und Marschall Pétain statt.[2][3] Wie die Badische Presse meldet, signalisierte der aufständische Führer Abd el Krim die Bereitschaft, die Souveränität des marokkanischen Sultans anzuerkennen, sofern den Rifstämmen eine gewisse Verwaltungsautonomie gewährt werde.[2] Paris und Madrid fordern allerdings unbedingte Garantien für einen dauerhaften Frieden und lehnen dubiose Vermittler — wie den britischen Hauptmann Cunnings — strikt ab.[2]

Auf dem Schlachtfeld bleibt die Lage derweil angespannt. Zwar verweisen französische Offiziere auf die festen Stellungen an der Ouergha-Front, doch räumen selbst Pariser Blätter ein, dass die Situation im Sektor von Taounat wenig günstig sei.[2] Laut dem Figaro sammeln sich in den Gebieten der Beni-Zeroual und M'tioua Dial Oute feindliche Kräfte zu einer möglichen Offensive, während in Gueznaïa neue Verstärkungen eintreffen.[3] Als Lichtblick gilt die Ankündigung, dass bald Nahrungsmittel und Medikamente zu den französischen und spanischen Kriegsgefangenen im Rifgebiet durchgelassen werden sollen.[3]

Auch das französische Völkerbundmandat in Syrien kommt nicht zur Ruhe. Einem Bericht der Londoner Times zufolge erlebte Jerusalem einen beispiellosen Proteststreik der arabischen Bevölkerung.[2] Dieser richtete sich gegen die französische Politik und fiel zeitlich mit dem Besuch des französischen Hochkommissars für Syrien, Henry de Jouvenel, in Palästina zusammen.[2] De Jouvenel versuchte vor der Presse zu beschwichtigen und versicherte, die bewaffnete Erhebung in Syrien sei nunmehr „vollkommen lokalisiert“.[2] Dass die juristischen Folgen andauern, belegt die Reise des französischen Anwalts Jacques Sadoul nach Beirut: Er wird dort vor einem Ausnahmegericht die Verteidigung von sechs syrischen Notabeln übernehmen, denen die Anzettelung eines Aufruhrs gegen die Regierung des Libanon vorgeworfen wird.[2]