Die Bestrebungen zur Eingliederung des Freistaates Schaumburg-Lippe in den preußischen Staat sind in ein entscheidendes Stadium getreten.[1] Der Schaumburg-Lippische Landtag in Bückeburg nahm am Mittwoch einstimmig eine Entschließung an, mit der die Landesregierung aufgefordert wird, eine Volksabstimmung einzuleiten.[2] Zuvor hatte der Rechtsausschuss in einer Plenarsitzung die entsprechenden Vorarbeiten geleistet.[1] Dem Vorwärts zufolge wird die Regierung nun gebeten, umgehend einen formellen Gesetzentwurf für diesen Volksentscheid vorzulegen.[3] Die Abstimmung selbst ist bereits verbindlich auf den 6. Juni festgesetzt worden.[4]

Darüber hinaus verlangt das Parlament, dass unverzüglich direkte Verhandlungen mit dem preußischen Staatsministerium aufgenommen werden.[3] Bei diesen Verhandlungen sollen letzte Zweifel über den Inhalt der bisherigen Verhandlungsrichtlinien beseitigt werden.[3] In der Entschließung werden diese Richtlinien ausdrücklich als angemessene Grundlage für den Anschluss anerkannt.[3] Das preußische Staatsministerium ist unverzüglich von dem Bückeburger Beschluss zu unterrichten.[3]

Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung darlegt, ist die direkte Befragung der Bevölkerung ein bemerkenswerter Schritt.[2] Grundsätzlich wäre der Landtag als gesetzgebende Instanz befugt gewesen, das Für und Wider selbst abzuwägen und die Gebietsveränderung eigenständig zu beschließen.[2] Die lippische Verfassung sieht ein Plebiszit nur für den Fall vor, dass zwischen Parlament und Regierung ein unüberbrückbarer Konflikt besteht.[2] Dass die Abgeordneten trotz ihres einstimmigen Votums auf ein abschließendes Urteil verzichten und den Souverän damit entscheiden lassen, unterstreicht die historische Tragweite dieses Schrittes.[2] Für Schaumburg-Lippe bedeutet der Vollzug den Verlust der staatlichen Eigenständigkeit — eine Zäsur, die naturgemäß eine ganz andere Dimension besitzt als für das ohnehin bedeutende Preußen.[2]

Die treibende Kraft hinter der Anschlussbewegung ist die drückende wirtschaftliche Not des Kleinstaates. Wie eine Veröffentlichung des Finanzdezernenten, Regierungsrat Nausoks, zeigt, befindet sich der Freistaat vor massiven haushaltspolitischen Schwierigkeiten.[1] Konkret lastet ein ungedecktes Defizit von 370.000 Mark auf dem laufenden Staatshaushalt — eine Summe, die die Vorstellung eines Aufgehens in Preußen zwingend auf die Tagesordnung gebracht hat.[2]

In der Landespresse wird das Vorhaben derweil von allen staatspolitischen Seiten lebhaft debattiert.[1] Eine sichere Prognose über den Ausgang des Entscheids lässt sich noch nicht treffen, doch rechnet man in politischen Kreisen mit einer positiven Antwort der Wählerschaft.[2] Nach Angaben der Deutschen Allgemeinen Zeitung hätte das Land durch die Eingliederung vor allem wirtschaftlichen Gewinn, da die drückenden Lasten der Staatskasse die Bürger künftig nicht mehr in dem bisherigen Maße belasten würden.[2] Geplant ist, das Territorium als eigenständigen Kreis in die preußische Provinz Hannover einzugliedern.[2] Da die Selbstverwaltung der Kreise innerhalb dieser Verwaltungseinheit äußerst weitgehend ist, bliebe den Einwohnern von Schaumburg-Lippe ein bedeutendes Maß an lokaler Unabhängigkeit erhalten.[2]