Das Reichskabinett hat in seiner jüngsten Sitzung einen grundlegenden Beschluss zur weiteren außenpolitischen Ausrichtung gefasst. Wie amtlich mitgeteilt wird, beschäftigte sich die Regierung mit der formellen Einladung des Völkerbundsekretariats, an der neu eingesetzten Studienkommission in Genf teilzunehmen.[1][2] Dieser Ausschuss soll demnächst die Frage der Zusammensetzung des Völkerbundrates, die Zahl seiner ständigen sowie nichtständigen Mitglieder und das Verfahren ihrer Wahl einer eingehenden Prüfung unterziehen.[2] Bei der ersten Erörterung im Kabinett kam die einmütige Auffassung zum Ausdruck, bei der Behandlung dieser drängenden Ratsfrage aktiv mitzuwirken, während die Entscheidung über sachliche Einzelheiten und Personalien einer späteren Sitzung vorbehalten bleibt.[1][2]
Mit diesem Schritt zieht die Reichsregierung die Konsequenzen aus den festgefahrenen Märzverhandlungen. Nach Angaben der Deutschen Allgemeinen Zeitung ist die Zusage so zu verstehen, dass die deutsche Beteiligung an den Kommissionsarbeiten die Entscheidungsfreiheit hinsichtlich des tatsächlichen Eintritts in den Völkerbund nicht beeinträchtigt.[3] Deutschland behält sich nach wie vor vor, sein Beitrittsgesuch zurückzuziehen, falls sich die Verhandlungen in eine nicht akzeptable Richtung entwickeln sollten.[4] Die Deutsche Allgemeine Zeitung betont die heikle diplomatische Ausgangslage: Der deutsche Vertreter werde sich infolge der Entstehungsgeschichte des Ausschusses in einer wesentlich anderen Lage befinden als der Großteil der übrigen Teilnehmer.[3] Am 10. Mai, wenn die Arbeiten der Studienkommission beginnen, wird sich zeigen, ob ein einstimmiger Beschluss überhaupt möglich sein wird.[3]
Unterdessen bemühen sich die Großmächte hinter den Kulissen um eine diplomatische Annäherung. Der Neuen Freien Presse zufolge zirkuliert in London eine Denkschrift, die den Kanzleien der Großmächte als vertrauliche Diskussionsgrundlage übermittelt wurde.[5] Diese englischen Vorschläge beruhen auf der Befürchtung, dass der Völkerbund eine zweite moralische Niederlage nach Art der Märzvorgänge nicht überstehen würde.[5] Als praktische Maßnahme wird vorgeschlagen, Deutschland ab sofort in allen Kommissionen als faktisches Mitglied zu behandeln.[5] England und Frankreich sollen sich zudem verpflichten, im Völkerbundrat durch ihre eigene Stimme ein Veto für Deutschland einzulegen, falls Beschlüsse drohen, die von deutscher Seite andernfalls blockiert worden wären.[5]
Trotz dieser Annäherungsversuche bleibt die Lage unübersichtlich. Aus dem Berliner Tageblatt geht hervor, dass diplomatische Anfragen nach den Feiertagen zunächst einer allgemeinen Klärung bedürfen, bevor praktische Verhandlungen beginnen können.[6] Solange die rein politische Seite des Problems — darunter auch die Frage, ob Schweden seinen Verzicht auf einen Ratssitz aufrechterhält — nicht geklärt ist, wird die Studienkommission kaum zu einem greifbaren Ergebnis gelangen.[6] Letztlich hängt der Erfolg der bevorstehenden Beratungen davon ab, ob die beteiligten Mächte bereit sind, von ihren starren Sonderwünschen abzurücken.[6]