Die Hoffnungen auf eine spürbare Erleichterung im besetzten Gebiet haben einen empfindlichen Dämpfer erhalten. Wie die Kölnische Zeitung berichtet, haben die nur geringfügige Reduzierung der Besatzungsstärke und das Fortbestehen der Militärjustiz tiefe Enttäuschung in den Rheinlanden ausgelöst.[1] Die Bevölkerung hatte nach den Abmachungen von Locarno eine zügige Lösung der Räumungsfragen erwartet.[1]
Die diplomatischen Schwierigkeiten erweisen sich jedoch als groß. Der britische Außenminister Austen Chamberlain erklärte die Frage nach einer vorzeitigen Räumung der zweiten Zone überraschend für gegenstandslos.[2] Die Badische Presse bemerkt hierzu, dass diese Auffassung eigentümlich erscheine, da der Minister über die Verhandlungen von Locarno gut unterrichtet sei.[2] Chamberlain führt zwar gern den Geist von Locarno ins Feld, verspürt von dessen Geist jedoch keinen Hauch.[2]
Eine ganz andere Haltung nimmt in dieser Frage der französische Außenminister Aristide Briand ein. Er räumte vor Kurzem in der Kammer ein, dass man Deutschland keinen Vorwurf machen dürfe, wenn es sich auf Artikel 431 des Versailler Vertrages berufe und daraus das Recht zur Verkürzung der Besatzungsfristen ableite.[2] Nach Angaben des Vorwärts fordert die Sozialdemokratie nun die Reichsregierung auf, die Initiative zur endgültigen Klärung der Entwaffnungsfrage zu ergreifen.[2] Nur so ließen sich die letzten rechtlichen Hindernisse, die einer früheren Räumung der verbleibenden Zonen im Wege stehen, beseitigen.[2]
Die angespannte diplomatische Situation spiegelte sich auch in einer Rede wider, die Außenminister Gustav Stresemann anlässlich des Bismarck-Geburtstages in Annaberg hielt.[3][4] Er betonte, die heutige Stellung Deutschlands sei nicht mit der Epoche Bismarcks vergleichbar.[3][4] Das Fehlen jeglicher Machtmittel zwinge das Reich, ausschließlich diplomatische Mittel anzuwenden.[3] Aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung geht hervor, dass nach Stresemanns Worten die Vertrauenskrise der letzten Völkerbundtagung noch nicht überwunden sei und weiterhin nachwirke.[3]
Dem Pariser Figaro zufolge machte Stresemann die weitere Vorgehensweise von einer klaren Bedingung abhängig: Deutschland werde nur dann den Weg zurück nach Genf finden, wenn die Unterhändler von Locarno einen gangbaren Weg eröffnen.[5] Das Hamburger Echo ergänzt diese Einschätzung mit dem Hinweis, dass die weltweit aus dem Gleichgewicht geratene Wirtschaft ohne deutsche Beteiligung nicht zu bewältigen sei.[4] Es hänge nun von den Vertragspartnern ab, ob sie bereit seien, die logischen Folgen aus Locarno zu tragen.[4]