Die politische Lage im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen spitzt sich dramatisch zu. Nach wochenlangen Spannungen ist das Kabinett in eine offene Krise geraten, seit die Minister der Raditsch-Partei die Regierung verlassen haben.[1] Wie der Pariser Figaro aus der serbischen Hauptstadt meldet, trat der Ministerrat bereits am gestrigen Abend zu Beratungen über die durch diese Demissionen entstandene Lage zusammen.[1] Eine endgültige Entscheidung, ob das gesamte Kabinett zurücktritt oder nur umgebildet wird, wurde vorerst vertagt.[1]

Hinter diesem Bruch der Regierung steht ein beispielloser Korruptionsskandal, der das politische Leben in Belgrad seit Monaten belastet. Im Mittelpunkt der Vorwürfe steht Radomir N. Pasitsch, der Sohn des fast achtzigjährigen Ministerpräsidenten Nikola Pasitsch.[2] Sein schärfster Gegner ist Dragischa Stojadinowitsch, der Schwiegersohn des Skupschtinapräsidenten Ljuba Jovanowitsch.[2] Aus einer pressemäßigen Auseinandersetzung entwickelte sich zunächst ein gerichtlicher Prozess, in den sich der Sohn des Regierungschefs gedrängt sah.[2] Vor wenigen Tagen entzog sich Pasitsch einer inhaltlichen Aufklärung, indem er das Gericht wegen Befangenheit ablehnte und so erfolgreich eine Vertagung erwirkte.[2]

Diese Verweigerung, vor Gericht zu erscheinen, veranlasste Stojadinowitsch zu einem offenen Angriff. Laut einem Bericht der Badischen Presse brachte er in der Skupschtina eine umfassend belegte Interpellation der gesamten Opposition ein und veröffentlichte sein belastendes Material zugleich in der Tageszeitung Politika.[2] Die Anschuldigungen zeichnen das Bild eines systematischen Missbrauchs des Verwaltungsapparates. Stojadinowitsch wirft dem Sohn des Premierministers vor, seit Jahren sämtliche bedeutenden Staatsaufträge gegen hohe Provisionen an in- und ausländische Firmen zu vergeben.[2] Ein Netzwerk aus loyalen Ministern und hohen Beamten habe ihn dabei tatkräftig unterstützt.[2] Die Vorwürfe umfassen Bestechungsgelder von Heereslieferanten aus Frankreich, England und der Tschechoslowakei sowie die Erpressung heimischer und amerikanischer Bankiers.[2] Besonders brisant ist die Enthüllung, dass selbst die reichsdeutschen Reparationslieferungen in Form von Vieh und Sachgütern in dieses korrupte System eingebunden wurden.[2]

Der Versuch, die allgegenwärtige Korruption durch die Aufnahme der bislang als unbestechlich geltenden Partei des Stjepan Raditsch in die Regierung zu unterbinden, ist demnach gescheitert.[2] Die aktuellen Rücktritte zeigen, dass der familiäre Einfluss weiterhin unantastbar bleibt. Unter der stillschweigenden Duldung seines Vaters handle Radomir Pasitsch nach dem Grundsatz "L'état, c'est moi", wie kritische Stimmen in Belgrad beklagen.[2]

Diese innenpolitische Lähmung wirkt sich längst auf die Außenpolitik aus. Nichtsdestoweniger führt Ministerpräsident Pasitsch die Regierungsgeschäfte mit fester Hand fort. Nach Angaben der Deutschen Allgemeinen Zeitung hat er Außenminister Nintschitsch (Momčilo Ninčić) nach dessen Rückkehr aus Genf ausdrücklich zurückgehalten, das Land durch neue Bündnisse in Europa — etwa mit Frankreich oder Italien — endgültig festzulegen.[3] Jugoslawien bleibt damit in der Diplomatie abwartend, während das Kabinett im Inneren vor der schwersten Belastungsprobe seiner Geschichte steht.[3] Auch das von Verkehrsminister Valiann kürzlich angekündigte Vorhaben, dringend benötigte Auslandanleihen für den Eisenbahnbau zu beschaffen, dürfte durch die Enthüllungen über die Vergabepraxis in Belgrad erheblich erschwert werden.[2]