Der litauisch-polnische Grenzkonflikt droht erneut, den Völkerbundrat in Genf zu beschäftigen. Wie der Westfälische Merkur meldet, hat das Generalsekretariat des Völkerbundes von der litauischen Regierung eine außerordentlich scharfe diplomatische Note erhalten.[1] In diesem Schreiben beklagt Litauen, dass polnische Truppenverbände weiterhin einen litauischen Gebietsstreifen besetzt hielten.[1] Dies geschieht, obwohl Polen vom Völkerbundrat unlängst aufgefordert worden ist, den Status quo unverzüglich wiederherzustellen.[1]

Dem Berliner Tageblatt zufolge war bereits vor Beginn der letzten Völkerbundsitzung eine ähnliche litauische Mitteilung in Genf eingegangen, die die sofortige Entsendung einer Untersuchungskommission in das umstrittene Gebiet verlangte.[2] Der japanische Delegierte Graf Ishii, der damals den Vorsitz führte, lehnte dieses Ansinnen jedoch ab und riet beiden Parteien, sich mit den früheren Anweisungen des Völkerbundes zufriedenzugeben.[2] In diplomatischen Kreisen wird vermutet, dass der Völkerbundrat die Schlichtung des Streits vor allem deshalb vertagte, um die polnischen Ansprüche auf einen ständigen Sitz im Rat nicht durch die erneute Feststellung eines Grenzübergriffs zu gefährden.[2]

Nun aber beharrt die litauische Regierung in ihrer jüngsten Note darauf, dass Vertreter beider Staaten offiziell nach Genf geladen werden.[2] Dort will Litauen die Ratsmitglieder von dem neuen polnischen Handstreich überzeugen — ein Vorhaben, das die Genfer Diplomatie vor schwierige Aufgaben stellt.[2] Die Notwendigkeit einer unparteiischen Untersuchung vor Ort erscheint Beobachtern besonders dringend, weil die genaue Grenzziehung in der strittigen Region noch immer nicht endgültig feststeht.[1][2]