Die derzeitige Untersuchung des Senatsausschusses über die Auswirkungen des Prohibitionsgesetzes entwickelt sich zu einer schonungslosen Abrechnung mit der amerikanischen Alkoholpolitik.[1] Vor dem Gremium in Washington sagten in den vergangenen Tagen namhafte Juristen und Mediziner aus, darunter der Erfinder Maxim sowie bedeutende New Yorker Anwälte.[2] Das übereinstimmende Urteil der Experten lautet, dass die Gesetzgebung die Moral im Land auf das Schwerste schädigt.[2] Überschattet wurden die gestrigen Anhörungen von einem plötzlichen Krankheitsfall: Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, Senator Means, musste wegen einer Blinddarmentzündung in ein Krankenhaus eingeliefert werden.[1]
Im Verlauf der Anhörung war die Aussage von Emory R. Buckner, dem Bundesstaatsanwalt für den südlichen Bezirk von New York, von besonderem Gewicht.[1] Er stellte die Regierung vor eine drastische Wahl: Entweder müsse das Gesetz gelockert werden, oder der Kongress müsse künftig unkalkulierbare Milliardenbeträge für dessen Durchsetzung bewilligen.[1] Allein in New York würde eine ernsthafte Kontrolle jährlich 75 Millionen Dollar verschlingen.[1] Buckner plädiert daher für eine lokale Regelung, die es den einzelnen Bundesstaaten überlassen würde, den zulässigen Alkoholgehalt selbst zu definieren.[1] Dieser Vorschlag stieß bei Senator Edge, der sich ohnehin für die Zulassung von leichtem Wein und Bier einsetzt, auf breite Zustimmung.[1]
Das Ausmaß des Scheiterns wird durch Zahlen untermauert, die in Europa weitreichende Beachtung finden. Wie der Pariser Temps ausführlich darlegt, sind die mit der Bekämpfung des Schmuggels betrauten Beamten massiver Bestechung ausgesetzt.[3] Einem Jahresgehalt von 5000 Dollar stehen Zuwendungen der Schmugglersyndikate von bis zu 75.000 Dollar gegenüber.[3] Dem Ausschuss wurde berichtet, dass bereits 875 Beamte wegen Bestechlichkeit entlassen und 118 als Komplizen der Schmuggler inhaftiert werden mussten.[3] Schätzungen zufolge entgehen 95 Prozent des ins Land gebrachten Alkohols der föderalen Kontrolle.[3] Der illegale Alkoholhandel setze allein in der Stadt New York jährlich 3,8 Milliarden Dollar um.[3]
Die gesellschaftlichen Folgen sind verheerend. Nach Angaben des Temps geht mit der Missachtung des Alkoholverbots eine beispiellose Kriminalitätswelle einher.[3] Würde man die britische Kriminalitätsrate auf die Bevölkerungszahl der Vereinigten Staaten umlegen, wären jährlich etwa 480 Mordtaten zu erwarten — tatsächlich verzeichnet das Land jedoch 8000 Morde pro Jahr.[3] Auch die Zahl der Raubüberfälle und Betrugsdelikte ist sprunghaft angestiegen, was bei den Versicherungsgesellschaften alljährlich zu Schäden in Milliardenhöhe führt.[3] Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Vereinigten Staaten laut Zeugenaussagen mittlerweile so viel illegalen Alkohol produzieren, dass sie diesen in das benachbarte Kanada exportieren.[3]