Die Nachricht über ein Attentat auf den sowjetischen Innenkommissar Alexander Beloborodow, die zunächst nur über das Ausland nach Mitteleuropa gedrungen ist, hat hier lebhaftes Aufsehen erregt.[1] Die Sowjetregierung hatte offenbar beschlossen, den Vorfall vor der eigenen und der internationalen Öffentlichkeit strikt geheim zu halten.[1] Die Moskauer Regie, die mit allen Mitteln bemüht ist, jeden Zweifel an der Festigung ihrer Machtstellung zu unterdrücken und jedes Gerücht über oppositionelle Gegenströmungen im Lande im Keim zu ersticken, schien zunächst reibungslos zu funktionieren.[1] Deshalb wurde der örtliche Vertreter des offiziösen Wolffschen Telegrafenbüros in Moskau noch am gestrigen Tage ausdrücklich ermächtigt, die Nachricht von dem Anschlag formell zu dementieren.[1][2]
Trotz dieser Bemühungen um eine Nachrichtensperre gelangen nun konkrete Einzelheiten über die Bluttat an die Öffentlichkeit. Dem Westfälischen Merkur zufolge feuerte ein bislang namentlich unbekannter Student einen Revolverschuss auf Beloborodow ab und verletzte den Kommissar an den Schultern.[2] Der Täter, bei dem es sich um den Sohn eines früheren Schlossangestellten handeln soll, flüchtete unmittelbar nach der Tat.[2] Er konnte jedoch nach einer Verfolgung durch Sicherheitskräfte gefasst und inhaftiert werden.[2]
Ein Blick auf die Vergangenheit des Opfers lässt vermuten, dass das Attentat aus politischen Motiven verübt wurde.[3] Wie das schwedische Hufvudstadsbladet berichtet, spielte Beloborodow eine maßgebliche Rolle in besonders düsteren Kapiteln der russischen Revolution.[3] Als damaliger Vorsitzender des Lokalrats in Jekaterinburg unterzeichnete er im Juni 1918 den Befehl zur Ermordung des Zaren Nikolaus II. und der gesamten Zarenfamilie.[3] Zuvor war er als Vertrauensmann in das höchste Kollegium der gefürchteten Tscheka berufen worden. Später rückte er in das Amt des Innenkommissars auf.[3]
In der jüngeren Vergangenheit trat Beloborodow politisch kaum noch nennenswert in Erscheinung. Dies war vor allem auf seinen angegriffenen Gesundheitszustand zurückzuführen.[3] Nach Angaben der skandinavischen Presse war der Kommissar vor nicht langer Zeit Insasse einer Moskauer Nervenheilanstalt.[3] Er habe dort wegen psychischer Beschwerden in Behandlung gestanden und unter schweren Halluzinationen gelitten.[3] Erst nach seiner Genesung kehrte er in die Leitung des Innenkommissariats zurück.[3]
Während die sowjetischen Zensurbehörden das Ereignis weiterhin zu verschweigen suchen, hat die Telegrafen-Union die Berichte über das Attentat in einer Meldung aus Moskau inzwischen ausdrücklich bestätigt.[1] In diplomatischen Kreisen nimmt man an, dass die Regierung angesichts der erdrückenden Faktenlage gezwungen sein wird, am morgigen Tage eine amtliche Mitteilung über den Vorfall zu veröffentlichen.[2]