Der italienische Ministerpräsident Benito Mussolini hat sich mit großem Pomp auf eine Reise in die nordafrikanischen Kolonien Tripolis und Libyen begeben.[1] Amtliche Kreise in Rom bemühen sich zwar, die außenpolitische Bedeutung dieser Visite für das Ausland abzuschwächen. Sie betonen vielmehr die absolute wirtschaftliche Notwendigkeit der nordafrikanischen Besitzungen für das Mutterland.[2][1] In der italienischen Hauptstadt verweist man darauf, dass die militärische Phase der Kolonialpolitik überwunden sei und der Faschismus nunmehr eine Ausweitung mit friedlichen Mitteln anstrebe.[2] Die Tatsache, dass hinter der Reise dennoch eine ernste, langfristige Absicht steht — eine machtpolitische Entfaltung Italiens als Großmacht im Mittelmeerraum —, zeigt bereits die Wahl des Transportmittels.[1] Der Regierungschef reist auf dem Panzerschiff Cavour, das den Namen jenes Staatsmannes trägt, unter dessen Führung die italienischen Kleinstaaten einst geeint wurden.[1] Die imperiale Wortwahl weist Parallelen zum bekannten Ausspruch Kaiser Wilhelms II. auf. Jetzt wird in der faschistischen Presse offen verkündet, dass die Zukunft des Landes auf dem Wasser liege.[1]
An Bord der Cavour nähert sich der Diktator auffällig der Kirche an.[2] Bei Einbruch der Dämmerung versammelt sich die gesamte Mannschaft auf dem Deck, singt unter musikalischer Begleitung einen Kirchenlied, und im Anschluss verliest der jüngste Offizier ein Gebet.[2] Mussolini wohnt dieser feierlichen Zeremonie stehend und mit entblößtem Haupt bei, umgeben von seinen Admiralen und dem gesamten Offizierskorps.[2]
Während die römische Diplomatie zurückhaltend auftritt, widersprechen die zugleich veröffentlichten Äußerungen des italienischen Kolonialministers in der Zeitung Popolo di Roma dieser Zurückhaltung deutlich.[2][1] Der Minister bezeichnet die Kolonien als „Schildwachen“ der italienischen Größe.[1] Eine solide Kolonialpolitik müsse auf der uneingeschränkten Souveränität des Staates beruhen. Deshalb sei die jüngste Besetzung von Tscharabub (Jaghbub) und der an Somaliland angrenzenden Gebiete unerlässlich gewesen.[2][1] Besonderes Augenmerk richtet die Regierung auf das Rote Meer: Der Hafen von Massaua, dessen Handelsvolumen von zehneinhalb Millionen im Jahr 1908 auf annähernd 235 Millionen Lire im Jahr 1924 gestiegen ist, soll als Frontstation ausgebaut werden.[2][1] Dieser Posten der italienischen Kolonialpolitik diene dazu, das Rote Meer nicht allein den Interessen des britischen Imperiums zu überlassen und mache überdies der französischen Eisenbahn von Dschibuti direkte Konkurrenz.[2][1]
Am Ziel der Reise herrschen unterdessen außerordentliche Sicherheitsvorkehrungen.[3] Wie der Pariser Figaro und die Badische Presse übereinstimmend berichten, blieb die genaue Stunde der Ankunft Mussolinis in Tripolis streng geheim.[1][3] Auf Anweisung aus Rom verweigerte das italienische Konsulat die Ausstellung von Visa, wovon auch ausländische Journalisten betroffen waren.[1] Alle in Tripolis anwesenden Ausländer wurden der Überwachung durch örtliche Behörden und eigens aus Rom entsandte faschistische Delegationen unterstellt, denen faktisch Polizeigewalt zukam.[1][3] Den feierlichen Höhepunkt des Besuchs soll die Überreichung eines Ehrendegens bilden, für dessen Ankauf eine Sammlung unter den Eingeborenen den Betrag von 50.000 Lire erbrachte.[1][3]