Bagdad steht vor einer beispiellosen Naturkatastrophe. Die Fluten des Tigris, dessen Wasserspiegel derzeit mehr als fünf Meter über den tiefer gelegenen Stadtteilen steht, bedrohen die irakische Hauptstadt mit verheerenden Zerstörungen.[1] Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung meldet, hat sich die Bresche im Damm in der Nähe des Königspalastes, die am Freitag noch etwa zwanzig Meter maß, inzwischen auf fast siebzig Meter verbreitert.[1] Das Wasser hat sich ein neues Bett gegraben und strömt mit der Kraft eines Hochgebirgsflusses — mit einer Geschwindigkeit von über zwanzig Kilometern in der Stunde — durch die königlichen Gärten.[1] Dem Hufvudstadsbladet zufolge ergießen sich in jeder Sekunde tausend Tonnen Wasser durch die Anlagen.[2] Die königliche Residenz ist schwer betroffen: Der Empfangsraum, die Wohnviertel sowie der Haremspalast stehen bereits drei Meter unter Wasser.[1] Zwar verzeichnete der Fluss in der Nacht einen leichten Rückgang um acht Zentimeter, doch mindert dies die Gefahr angesichts der massiven Bresche kaum.[2]

Ein verzweifelter Kampf gegen die hereinbrechenden Wassermassen ist entbrannt. Tausende Landarbeiter wurden aus der Umgebung herbeigeholt, um die Stadtbevölkerung bei der Aufschüttung der rettenden Erddämme zu unterstützen.[1] Nach Angaben des Temps arbeiten fünftausend Männer unermüdlich an der Ausbesserung des drei Kilometer langen Hauptdeiches im Norden der Stadt.[3] Um den erschöpften Männern weitere Anstrengungen abzuverlangen, spielen Musikkapellen der neu formierten Armee ununterbrochen.[3] Die Bedenken richten sich besonders auf die zahllosen aus Lehm errichteten Wohnhäuser, die bei weiterem Eindringen des Wassers unweigerlich einstürzen würden.[3] Auf der östlichen Mauer der Stadt haben sich inzwischen zehntausend Menschen — Männer, Frauen und Kinder — versammelt und blicken bestürzt auf die schäumende, bedrohlich ansteigende Wasserfläche.[3]

Der Ausblick von dieser Mauer offenbart das ganze Ausmaß der Verwüstung: Bis zum Horizont erstreckt sich eine einzige Wasserwüste, aus der lediglich das Dach des Bahnhofs und Hunderte von Eisenbahnwaggons herausragen.[1] Der Nordbahnhof steht nach französischen Berichten fünf Fuß unter Wasser, viele Nebengebäude sind bereits eingestürzt.[3] Fünftausend Ballen Waren — hauptsächlich Zucker, Zigaretten und Stoffe —, die in den Waggons oder Lagerhallen lagerten, sind den Fluten zum Opfer gefallen.[3] Die Schätzungen der materiellen Schäden variieren erheblich: Während der Temps von einer Viertelmillion Pfund Sterling ausgeht,[3] beziffern schwedische Quellen den Verlust auf eine halbe Million,[2] und die Deutsche Allgemeine Zeitung schätzt den bisherigen Schaden bereits auf weit über eine Million Pfund.[1]