Unter gewaltigem Andrang des Publikums hat vor dem Großen Schöffengericht Berlin-Mitte der aufsehenerregende Prozess gegen Iwan Kutisker und Genossen begonnen.[1] Das Verfahren bildet den juristischen Höhepunkt eines massiven Finanzskandals, der die Preußische Staatsbank schwer erschüttert hat. Von den elf Angeklagten sind zehn erschienen; der Kaufmann Isidor Stern ist in das Ausland geflüchtet.[1] Neben Kutisker haben auf der Anklagebank unter anderem seine beiden Söhne Max und Alexander sowie die Direktoren Blau und Grieger Platz genommen.[1] Ebenfalls vorgeführt wurde der kürzlich aus Belgien ausgelieferte Michael Holzmann.[1]
Die Anklageschrift wirft den Beschuldigten vor, die Preußische Staatsbank durch Betrug und Urkundenfälschung um immense Summen geschädigt zu haben. Die Badische Presse beziffert den Schaden auf knapp fünfzehn Millionen Goldmark, während der Vorwärts von bis zu neunzehn Millionen spricht.[1][2] Der aus Libau stammende und nach den Kriegswirren nach Deutschland gekommene litauische Staatsbürger Kutisker soll sich seit Oktober 1923 das Vertrauen der Bank, insbesondere des Finanzrats Rühe, erschlichen haben.[1] Er behauptete, weitreichende Kredite aus dem Ausland sowie Dollar-Zuschüsse seines Vetters aus Amerika zu erwarten.[1]
Wie das Harburger Tageblatt und die Sächsische Staatszeitung übereinstimmend unter Berufung auf die Zeitung Montag Morgen berichten, hatten zwei Ärzte den Hauptangeklagten bereits am Samstag in seiner Wohnung untersucht und für nicht verhandlungsfähig befunden.[3][4] Kutisker bot im Gerichtssaal das Bild eines gebrochenen Mannes. Er betrat den Raum gestützt von seiner Frau und seinem Hausarzt Dr. Cassel.[1] Aus einem ärztlichen Attest geht hervor, dass der Angeklagte erst am 6. April wegen extrem hohen Blutdrucks einem großen Aderlass unterzogen werden musste.[2]
Bereits während der formellen Eröffnung kam es zu einem dramatischen Zwischenfall. Als Kutiskers Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Fuchs, den Büchersachverständigen Lachmann wegen schwerer sachlicher Mängel des Gutachtens ablehnen wollte, erlitt der Angeklagte einen schweren Anfall von Ohnmacht.[1] Justizwachtmeister mussten den Bewusstlosen beinahe tragend zur Zeugenbank bringen, wo er sich langsam erholte.[1][2] Amtsgerichtsrat Dr. Ahlsdorff beschloss nach Anhörung der medizinischen Sachverständigen, die Verhandlung dennoch stundenweise mit Pausen fortzusetzen.[2]
Bei der Beweisaufnahme steht das betrügerische Vorgehen im Mittelpunkt. Laut den Ermittlungen überzog Kutisker seine bei der Staatsbank eingeräumten Lombardkredite rasch.[1][2] Um eine Deckung vorzutäuschen, reichte er massenhaft wertlose Wechsel eigener Konzerngesellschaften ein.[1] Dem Vorwärts zufolge rechtfertigte sich Kutisker damit, dass die kurzfristigen Kundenwechsel von der Bank protestiert worden seien. Aus diesem Grund habe er im Einvernehmen mit Finanzrat Rühe auf die unzureichend geprüften Konzernwechsel zurückgegriffen.[1]
Darüber hinaus manipulierte der Angeklagte die als Sicherheiten dienenden Vermögenswerte in erheblicher Weise. So wurde der Wert eines Hanauer Warenlagers, das real nur etwa eine halbe Million Reichsmark barg, gegenüber der Bank auf zehn bis zwölf Millionen taxiert.[2] Zudem wird ihm zur Last gelegt, einen Blankowechsel des Mitangeklagten Blau unrechtmäßig über 475.000 Reichsmark ausgestellt zu haben.[2] Eine von Kutisker Ende April eingereichte Vermögensaufstellung wies fälschlicherweise ein Plus von neun Millionen aus, wo in Wahrheit längst ein massives Defizit klaffte.[1]