Nach den diplomatischen Erschütterungen im März scheint sich der europäische Horizont allmählich aufzuhellen. Wie die Madrider Zeitung El Sol analysiert, erlitt der Geist von Locarno zwar einen Rückschlag, konnte sich aber vorerst behaupten, sodass nun vielerorts bereits von einer Vorstufe zu den Vereinigten Staaten von Europa — allerdings ohne russische Beteiligung — gesprochen wird.[1] In Berlin rüstet man sich derweil für die nächsten diplomatischen Schritte. Dem Vorwärts zufolge kehrt Reichsaußenminister Stresemann Ende der Woche aus seinem Urlaub in Locarno zurück.[2] Die Reichsregierung wird ein bejahendes Antwortschreiben nach Genf richten und Ministerialdirektor Gaus in die dortige Studienkommission entsenden.[2]
Trotzdem bleiben die Spannungen in Osteuropa ungelöst. Die französische Diplomatie bemüht sich intensiv, ihren Einfluss in dieser Region zu sichern. Der französische Völkerbunddelegierte Paul-Boncour hat in Warschau große Anstrengungen unternommen, um die polnischen Sympathien für Frankreich warmzuhalten.[3] Aus dem Pariser Temps geht hervor, dass man in Frankreich auf ein Bündnis zwischen Polen und der Tschechoslowakei drängt, da die Verträge von Locarno nicht allen Sicherheitsbedürfnissen gerecht würden.[3] In der deutschen Hauptstadt verfolgt man diese Bestrebungen mit Argwohn. Man befürchtet eine erneute französische Einkreisungspolitik und erwägt, als Gegengewicht im Osten die russischen Pläne mit größerem Interesse zu betrachten.[3]
Moskau lehnt eine Annäherung an den Genfer Völkerbund jedoch strikt ab. Volkskommissar Tschitscherin richtete am 7. April eine Note an den Völkerbund, in der er die Teilnahme an der vorbereitenden Abrüstungskonferenz verweigert.[4] Als Grund wird das ungelöste Zerwürfnis mit der Schweiz nach der Ermordung des sowjetischen Delegierten Worowski angeführt.[5][4] Nach Angaben der Neuen Freien Presse werten diplomatische Kreise diese Begründung als bloßen Vorwand der Sowjetregierung, um der Konferenz fernzubleiben.[5] Das Hamburger Echo ergänzt, Moskau begrüße es, der Konferenz fernzubleiben.[4] Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein in der russischen Note zitiertes Urteil des amerikanischen Botschafters Houghton, der vermutet, die Konferenz werde keinen Erfolg haben.[4] Eine gesamteuropäische Stabilisierung auf Grundlage des Völkerbundes steht weiterhin vor erheblichen Hürden.