Die schwelenden Differenzen innerhalb der jugoslawischen Regierung haben zu einer offenen Krise geführt.[1] Am gestrigen Vormittag überreichte der Unterstaatssekretär für Forste und Bergwesen, der radikale Abgeordnete Kuyundcic (Kujundžić), dem Ministerpräsidenten Usunowitsch sein Demissionsgesuch.[2] In einem offenen Brief begründete Kuyundcic seinen Schritt damit, dass er nicht länger in einem Kabinett dienen könne, dem der kroatische Bauernführer Stjepan Raditsch angehöre.[1] Er warf Raditsch vor, eine antiserbische Politik zu betreiben und durch sein Streben nach Föderalismus die Zerschlagung des südslawischen Reiches herbeizuführen.[1] Ferner beschuldigte er Raditsch, die Angliederung Bulgariens an einen großslawischen Staat zu betreiben, was nach Kuyundcics Ansicht den „Tod des Serbentums“ bedeuten müsse.[1]
Die Neue Freie Presse berichtet, dass diese scharfen Vorwürfe unmittelbar weitere Kreise zogen.[2] Auch der Minister für Sozialpolitik, Simonowitsch (Simonović), und Justizminister Gjuritschitsch (Đuričić) suchten den Ministerpräsidenten auf, um ihre Ämter niederzulegen.[2] Usunowitsch konnte die beiden Politiker jedoch im letzten Moment zur Rücknahme ihrer Gesuche bewegen.[2]
Als Reaktion auf die zunehmende Entrüstung in den politischen Kreisen Belgrads stellte Ministerpräsident Usunowitsch an Raditsch ein Ultimatum, das bis fünf Uhr nachmittags befristet war.[2] Er forderte den kroatischen Parteiführer entschieden auf, aus der Regierung auszuscheiden; andernfalls sollte das gesamte Kabinett zurücktreten.[2] Wie die Badische Presse meldet, erklärten sich sämtliche Minister der radikalen Partei bereit, diesen Schritt mitzutragen, falls eine Entschuldigung Raditschs für seine jüngsten Angriffe unterbleibe.[1] Raditsch ließ die Frist verstreichen, ohne eine Antwort zu geben.[2] Sein Kabinettschef erklärte gegenüber der Presse, das Ultimatum stelle eine eklatante Verletzung des schriftlich festgehaltenen Verständigungspakts der Koalitionsparteien dar.[2]
Bereits im Laufe des Tages hatte der König mehrere Gespräche mit den Ministern der radikalen Partei geführt, um sich ein Bild von der schwierigen Lage zu machen.[1] Am Abend empfing der Monarch zudem Raditschs Neffen, den Minister Pavle Raditsch, zu einer Unterredung.[2] Unterdessen äußerte sich Ministerpräsident Usunowitsch vor Vertretern der Auslandspresse eingehend über den Konflikt.[2] Er betonte, es handele sich keineswegs um einen Bruch der serbisch-kroatischen Verständigungspolitik, sondern ausschließlich um das untragbare Verhalten eines einzelnen Ministers.[2] Raditsch untergrabe die Autorität der Regierung und greife seine eigenen Kollegen in einer Weise an, die verleumderisch und beleidigend genannt werden müsse.[2] Die Regierung wolle das Verständigungswerk fortsetzen, erklärte Usunowitsch; jedoch stelle Raditsch selbst das größte Hindernis dar.[2]
Hinter den Kulissen wird inzwischen bereits an einer Umbildung der Regierung gearbeitet. Beobachter halten es für wahrscheinlich, dass Usunowitsch die kroatische Bauernpartei aus dem Kabinett ausschließen wird.[2] Für eine neue Mehrheit stehen die Unabhängigen Demokraten unter Führung von Pribitschewitsch (Pribićević) mit 23 Sitzen sowie die Slowenische Volkspartei unter Koroschetz (Korošec) mit 20 Mandaten zur Verfügung.[2] Politische Kreise vermuten zudem, dass der frühere Ministerpräsident Pasitsch (Pašić) im Hintergrund die Fäden zieht und sich für einen erneuten politischen Kampf in Stellung bringt.[2]