Die Anhörungen vor dem zuständigen Senatsausschuss über eine mögliche Aufweichung des amerikanischen Prohibitionsgesetzes haben in diesen Tagen ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht.[1] Wie die Washington Post berichtet, konzentrieren sich die Reformanhänger im Wesentlichen auf drei Kernargumente gegen das strikte Alkoholverbot.[1] Erstens sei es durch alltägliche Haushaltsgegenstände mühelos möglich geworden, Alkohol in den eigenen vier Wänden herzustellen.[1] Zweitens habe das Gesetz die Übel der einstigen Saloons direkt in das amerikanische Familienleben getragen.[1] Drittens hätten die unzureichenden Durchsetzungsversuche der Behörden die moralische Widerstandskraft der Bevölkerung, insbesondere der Jugend, schwer erschüttert.[1]

Um die Praxisnähe dieser Behauptungen zu unterstreichen, griff Senator Reed zu ungewöhnlichen Mitteln.[1] Im Ausschusszimmer demonstrierte er den überraschten Anwesenden die Herstellung von illegalem Schnaps.[2] Ausgerüstet mit neuwertigen Destillierapparaten, braunem Zucker, Maiszucker, Malz und verschiedenen Aromaextrakten zeigte der Senator, wie der Gärungsprozess vollendet wird, sodass trinkfertiger Roggen- oder Bourbon-Whisky sowie holländischer Gin entsteht.[1][3] Sämtliche Zutaten für diese heimische Herstellung seien auf dem freien Markt ungehindert erhältlich, betonte Reed.[1]

Dem Ausschuss lagen zudem gewichtige Zeugenaussagen vor, darunter jene des Brigadegenerals Andrews und des Chefchemikers der Prohibitionsbehörde, James M. Doran.[1] Für Aufsehen sorgte ferner die Stellungnahme von Mary T. Norton, einer Abgeordneten aus New Jersey, die sich mit rund sechzig weiteren Parlamentariern entschieden gegen das aktuelle Gesetz aussprach.[1] Es kam zu verfahrenstechnischen Meinungsverschiedenheiten: Senator Harreld drohte den Reformern unter Führung ihres Rechtsbeistands Julian Codman, die verbliebene Redezeit zu kürzen; daraufhin protestierte Senator Reed scharf.[1] Auch der Vertreter der einflussreichen Anti-Saloon-Liga, Bischof James Cannon, meldete sich zu Wort und forderte für die Prohibitionsbefürworter das letzte Rederecht.[1]

Die entschiedenen Verfechter der Prohibition bereiten jedoch bereits einen energischen Gegenangriff vor.[1] Dem Hong Kong Telegraph zufolge brachte Senator Borah eine ausführliche Verteidigung der unveränderten Beibehaltung des Gesetzes vor.[3] Zur Überraschung vieler Beobachter erhielt er dabei von seinen Kollegen lebhaften Beifall, als er den Reformern vorhielt, sie wollten das Gesetz in Wahrheit unwirksam machen, obwohl sie öffentlich noch Respekt vor der Verfassung beteuerten.[2][3] Ein schneller Kompromiss zwischen den verhärteten Fronten der ‚Nassen‘ und ‚Trockenen‘ scheint in Washington daher in weite Ferne gerückt.[1][2]