Unter den zahlreichen Sorgenkindern der deutschen Handelspolitik steht das Wirtschaftsverhältnis zwischen Deutschland und Polen an vorderster Stelle.[1] Die Verhandlungen über die Schaffung eines endgültigen Handelsvertrages ziehen sich nunmehr seit fast zwei Jahren in die Länge.[1] Abgesehen von einem sehr kurzfristigen Provisorium, das im Schatten der harten Bestimmungen des Versailler Vertrages zustande kam, ist es bislang nicht gelungen, ein handliches Instrument für die beiderseitige Handelspolitik zu schaffen.[1] Der negative Verlauf dieser Unterredungen resultiert maßgeblich aus der engen Verquickung von Wirtschaft und Politik. Diese wurde durch den Friedensvertrag formell sanktioniert.[1] Die diplomatischen Beziehungen litten beständig darunter. Sämtliche polnischen Regierungen der jüngeren Vergangenheit haben einer stark imperialistischen und chauvinistischen Expansionspolitik gehuldigt.[1]

Nun scheint jedoch auf polnischer Seite eine gewisse Unruhe einzukehren. Nach Angaben des Westfälischen Merkur hat die Regierung in Warschau ihrem Berliner Gesandten ein Memorandum über die Liquidationsfrage sowie die festgefahrenen Handelsverträge übermittelt.[2] Dieses Schriftstück soll Außenminister Stresemann rasch überreicht werden.[2] Gleichzeitig wurde der diplomatische Vertreter Polens beauftragt, die deutsche Seite dringend zu bitten, die Gespräche so schnell wie möglich zu einem Abschluss zu bringen.[2] Um diesem Wunsch Nachdruck zu verleihen, verstärkt Warschau seine Delegation durch den Vizeminister für Handel und Gewerbe. Dieser wird noch in dieser Woche in Berlin eintreffen.[2]

Hinter diesem Drängen steht die harte wirtschaftliche Realität, der sich der östliche Nachbarstaat zunehmend beugen muss. Die Badische Presse analysiert treffend, dass Polen auf die Dauer wirtschaftlich nicht überleben kann, wenn es weiterhin eine verfehlte Grenzmarkenpolitik betreibt.[1] Man hatte in Warschau gehofft, die einseitige Meistbegünstigung gegenüber Deutschland sei auf alle Zeiten garantiert, und baute darauf, dass sich die harte Haltung der Ära Poincaré jederzeit wiederholen ließe.[1] Das Genfer Abkommen durchkreuzte diese Hoffnungen bereits teilweise. Doch endgültig wandelte sich das Bild durch das Inkrafttreten des Dawes-Planes und die Abkommen von Locarno.[1] Deutschland etablierte sich wieder als vollberechtigtes Mitglied im Konzert der Völker. Dies verlangte von den polnischen Politikern eine schmerzhafte Umstellung.[1] Der stetig sinkende Kurs des Zloty ist ein böses Omen und ein deutliches Warnsignal für die dortige Volkswirtschaft.[1]

Trotz dieser ökonomischen Notwendigkeit steht einer echten Verständigung die rücksichtslose Praxis in den abgetretenen Gebieten entgegen. Wie der Westfälische Merkur darlegt, gerieten die Wirtschaftsverhandlungen gerade durch die Enteignungspolitik der polnischen Regierung in eine Sackgasse.[2] Der Versailler Vertrag sprach Polen den größten Teil der Provinzen Posen und Westpreußen als Morgengabe zu.[2] In diesen Regionen lebt eine große deutsche Minderheit, die der übrigen Bevölkerung in ihren Arbeitsmethoden und ihrer wirtschaftlichen Erkenntnis weit voraus ist.[2] Anstatt diese wertvollen Kräfte für den Aufbau des jungen Staatswesens zu erhalten und zu unterstützen, betreibt Polen eine rigorose Entdeutschungsaktion.[2]

Artikel 297 b des Friedensvertrages räumt Polen das Recht ein, das Eigentum jener Personen zu liquidieren, die nach dem 10. Januar 1920 reichsdeutsch geblieben sind.[2] Diese Klausel wurde zum Instrument eines übertriebenen Nationalismus. Dem Zeitungsbericht zufolge fielen in den letzten Jahren zwischen 800.000 und 900.000 Deutschstämmige dieser Politik zum Opfer.[2] Tausende, die nicht für Polen optieren wollten, erlitten schmähliche Behandlungen und wurden unter Missbrauch von Recht und Gewalt von Haus und Hof vertrieben.[2]

Besonders drastisch zeigen sich die Dimensionen bei der Konfiszierung deutschen Bodenbesitzes. Bislang wurden 80 größere Güter mit einer Gesamtfläche von 65.700 Hektar sowie 1796 kleinere Höfe mit zusammen 28.300 Hektar vollends enteignet.[2] Darüber hinaus ist für weitere Ländereien im Umfang von 94.000 Hektar das Liquidationsverfahren bereits eingeleitet.[2] Hinzu treten sogenannte Scheinliquidationen auf einer Fläche von 70.000 Hektar.[2] Ein historischer Vergleich verdeutlicht die Härte dieses Vorgehens: Die oft kritisierte preußische Ansiedlungspolitik vor dem Krieg führte 1908 lediglich zur Zwangsenteignung von vier polnischen Gütern mit insgesamt 1656 Hektar.[2] Damals wurden den Eigentümern zudem 2119 Mark je Hektar gezahlt, während die Ansiedlungskommission rund 40.000 Hektar auf dem Weg freiwilliger Verkäufe aus polnischer Hand erwarb.[2]

Das jetzige Angebot aus Warschau wirkt vor diesem Hintergrund wie der Versuch, die große Geste eines liberalen Entgegenkommens vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu zeigen.[2] Jedoch sprechen die fortgesetzten Liquidationsverfahren der polnischen Behörden, die parallel zu den Berliner Verhandlungen in beschleunigtem Tempo weitergeführt werden, diesem Ansinnen Hohn.[2] Ein derartiges Verhalten zeugt weder von gutem Gewissen noch von echtem Kooperationswillen.[2]

Doch die Zeit arbeitet gegen die polnische Wirtschaft. Das Land braucht dringend Ruhe nach außen, die nur durch ein Vertragssystem auf Basis gegenseitiger Meistbegünstigung erreicht werden kann.[1] Bereits im August des vergangenen Jahres erkannte der damalige Ministerpräsident Grabski, dass Polen ohne einen Handelsvertrag mit Deutschland nicht florieren könne.[1] Ihm fehlte allerdings der politische Mut, diese Einsicht im eigenen Kabinett in die Tat umzusetzen.[1] Es bleibt nun die Frage, ob die gegenwärtige Führung in Warschau verstanden hat, dass sich wirtschaftliche Stabilität nicht durch imperiale Gesten und die Fortsetzung gewaltsamer Enteignungen erzwingen lässt.[2][1]