Die Hauptstadt Chinas hat einen dramatischen militärischen und politischen Machtwechsel erlebt. Nach Berichten der China Mail haben die Truppen der sogenannten ‚Volksarmee‘, der Kuomintschun (Guominjun), ihre Stellungen in Peking geräumt und sich fluchtartig in nördliche Richtung zurückgezogen.[1] Zuvor war die Verteidigung der Nationalarmee bei Fengtai und Tungtschou (Tongzhou) unter dem konzentrierten Druck der verbündeten gegnerischen Streitkräfte endgültig zusammengebrochen.[2] Die Flucht der geschlagenen Verbände vollzog sich in größter Hast und Unordnung. Zahllose Soldaten verließen die Stadt eilig in requirierten Zügen, Automobilen und Karren aller Art, während andere Truppenteile den weiten Rückzug zu Fuß antraten.[2] Das erklärte Ziel der abziehenden Einheiten ist der Nankow-Pass (Nankou), der jedoch bereits von feindlichen mandschurischen Kolonnen bedroht wird.[1]
Um Chaos und drohende Plünderungen in der Millionenstadt zu verhindern, übernahm General Wangschitschen an der Spitze eines rasch gebildeten Bürgerkomitees sowie der verbliebenen Polizei die Kontrolle über Peking.[1] Wie Le Temps ausführt, strebt der General einen schnellen Frieden zwischen den kriegführenden Parteien an und hat die Kommandeure der anrückenden Allianzarmee telegrafisch gebeten, von einer Beschießung oder förmlichen Belagerung der Hauptstadt abzusehen.[2] Die militärische Ungewissheit hat unterdessen unter der Zivilbevölkerung schwere Panik ausgelöst. Das ausländische Gesandtschaftsviertel ist überfüllt mit Schutzsuchenden. Ausländische Lagerhäuser sind bis unter das Dach mit Wertgegenständen der wohlhabenden chinesischen Schicht gefüllt, die in Eile in Sicherheit gebracht wurden.[1][2] Dem Pariser Blatt zufolge hat sich auch der frühere Präsident Tsaokun fluchtartig in den Schutz der ausländischen Niederlassungen begeben, sobald der Fall der Stadt absehbar wurde.[2]
Die Sieger des bewaffneten Konflikts — Marschall Wupeifu und der Mandschurei-Machthaber Tschangtsolin — haben offenbar eine strategische Vereinbarung getroffen, um Zusammenstöße ihrer eigenen Armeen zu verhindern. Nach Angaben der Moskauer Pravda erreichten Spezialtruppen aus Mukden zwar die Tore Pekings. Das eigentliche Stadtzentrum betreten sie jedoch vorerst nicht.[3] Ein offizieller, triumphaler Einmarsch soll vermieden werden; stattdessen werde die öffentliche Ordnung vorübergehend einer städtischen Miliz anvertraut.[2] Laut der Washington Times dringen allerdings bereits erste Vorhuten der Fengtien-Kavallerie geräuschlos in die Hauptstadt ein.[4] Die Kommandeure Tschangsüeliang (Zhang Xueliang) und Tschangtsungtschang (Zhang Zongchang) werden noch im Laufe des Tages aus Tientsin (Tianjin) erwartet.[4]
Der militärische Vormarsch der Alliierten zeichnete sich durch den massiven Einsatz moderner Kriegstechnik aus. Aus der Washington Times geht hervor, dass dieser Feldzug gegen die ‚Volksarmee‘ mit gepanzerten Eisenbahnzügen, schwerer Artillerie und eisengestützten Schützengräben geführt wurde.[4] Sogar Kontrollminen kamen an der Mündung des Peiho-Flusses (Hai He) zum Einsatz. Dies blockierte die internationale Schifffahrt vor Tientsin und hinderte selbst amerikanische Zerstörer an der Durchfahrt.[4]
Auf politischer Ebene bemühte sich der amtierende Präsident Tuantschirui (Duan Qirui), das entstandene Machtvakuum zügig zu füllen. Nachdem er sich wochenlang im Gesandtschaftsviertel verborgen gehalten hatte, kehrte er in den Präsidentenpalast zurück und nahm seine Amtsgeschäfte wieder auf.[2][4] Er unterhält traditionell gute Beziehungen zu den militärischen Führern aus Mukden.[2] Tuantschirui sandte umgehend ein Telegramm an Wupeifu und Tschangtsolin, um in Abstimmung mit den siegreichen Feldherren die rasche Ernennung eines neuen Premierministers in die Wege zu leiten und die Handlungsfähigkeit der Republik wiederherzustellen.[4]