Die schwelende Krise der polnischen Koalitionsregierung hat am Montag ihren voläufigen Höhepunkt erreicht.[1] Wie das Hamburger Echo feststellt, stand das Kabinett unter der Führung von Ministerpräsident Skrzynski seit Ende vergangenen Jahres auf einem äußerst schwachen Fundament.[2] Ständige Konflikte über die Herabsetzung des Heeresbudgets, die Finanzpolitik und die Minderheitenfrage haben die Regierungsarbeit zermürbt.[2] Die Sozialisten haben Skrzynski nun mitgeteilt, dass sie am heutigen Dienstag über ihren endgültigen Austritt aus der Koalition beschließen werden.[1] Sollten sie dem Vorschlag des Finanzministers keinen Kompromiss annehmen, ist laut dem Harburger Tageblatt mit der Demission der gesamten Regierung am Mittwochmorgen zu rechnen.[1] Skrzynski bemühte sich derweil, seine Ministerkollegen zu bewegen, den Bruch zumindest bis zum 1. Mai hinauszuschieben.[1]

Die innenpolitische Zuspitzung fällt in eine Phase schwerer Erschütterungen.[2] Geldknappheit, die Notlage der Industrie und Unruhen der Erwerbslosen prägen das Bild in der Hauptstadt. Diese Umstände lassen einen wirtschaftlichen Zusammenbruch befürchten.[2] Die Stimmung ist derart angespannt, dass das rechtsgerichtete Blatt Rzeczpospolita unlängst in einem Leitartikel die Frage aufwarf, ob Polen unmittelbar vor einer Revolution stehe.[2]

Um einen Ausweg aus der verfahrenen Lage zu finden, führte Skrzynski am Montag längere Unterredungen mit dem Führer der Piast-Partei, Witos, sowie den Spitzen der Sozialdemokraten.[1] Der Regierungschef erklärte im Anschluss, dass eine Diktaturregierung augenblicklich nicht zur Debatte stehe.[1] Dennoch verdichten sich in ernstzunehmenden Warschauer Kreisen die Gerüchte über ein mögliches Direktorium und über einen möglichen Übergang zu unübersichtlichen Regierungsformen.[2] Für den Fall des sozialistischen Austritts erwägt Skrzynski offenbar, unparteiische Fachleute aus dem linken Lager oder die jüdische Fraktion zur Regierungsbildung heranzuziehen.[1] Als möglicher neuer Kriegsminister wird bereits General Sosnkowski gehandelt, während das Innenministerium an einen unparteiischen, den Sozialisten nahestehenden Politiker fallen könnte.[1] Ein starkes parlamentarisches Kabinett scheint unter den gegenwärtigen Vorzeichen jedoch nahezu ausgeschlossen zu sein.[2]