Die Bemühungen Moskaus um eine vertragliche Absicherung an seiner Westflanke — so viel zeichnet sich ab — verlangen den baltischen Diplomaten derzeit höchste Aufmerksamkeit ab. Wie die Lettische Telegrafen-Agentur meldet, hat der stellvertretende lettische Außenminister Albats in Riga vor Pressevertretern weitreichende Erklärungen zu den russischen Avancen abgegeben.[1] Dem Harburger Tageblatt zufolge hat die Sowjetregierung bei sämtlichen baltischen Staaten mündlich angeregt, gesonderte Einzelverträge abzuschließen. Diese Verträge sollen strenge Neutralitätsklauseln sowie ein verbindliches Schlichtungsverfahren enthalten.[2]

Die Regierungen der baltischen Republiken haben daraufhin ihre grundsätzliche Verhandlungsbereitschaft signalisiert. Sie formulierten jedoch sogleich unmissverständliche Bedingungen.[1] So forderten sie Moskau auf, von mündlichen Sondierungen Abstand zu nehmen und stattdessen konkrete, schriftliche Vorschläge zu unterbreiten.[1] Laut dem Vorwärts haben die Randstaaten außerdem in bestimmtester Form klargestellt, dass für sie jede Bestimmung, die dem Völkerbundstatut zuwiderläuft, kategorisch unannehmbar sei.[1]

Den russischen Versuch, die Staaten diplomatisch zu isolieren, lehnt man an der Ostsee entschieden ab. Ein Vertragsabschluss, so betonte Albats nachdrücklich, sei für das Baltikum nur dann denkbar, wenn er zwischen der Sowjetunion einerseits und der Gesamtheit der baltischen Staaten andererseits erfolge.[1] Die Sowjetdiplomatie wird daher ihren Wunsch nach bilateralen Einzelabkommen überdenken müssen. Zur Abstimmung des gemeinsamen Vorgehens und um den anstehenden Verhandlungen eine festere Gestalt zu geben, soll in Kürze eine Konferenz der baltischen Außenminister einberufen werden.[2] Die diplomatischen Spannungen haben auch innenpolitische Folgen. Das zeigt sich derzeit im litauischen Kowno (Kaunas): Dort wurde der Außenminister auf eigenen Wunsch entlassen. In politischen Kreisen wird dies als Indiz für einen möglichen außenpolitischen Kurswechsel gedeutet.[1]