Die mit größter Spannung erwartete Zusammenkunft der britischen Bergwerksbesitzer und der Bergarbeiter ist am gestrigen Donnerstag mit einem völligen Misserfolg geendet.[1] Beide Parteien traten nach ergebnislosen Verhandlungen auseinander. Es wurden weder Ansätze zu einem Übereinkommen sichtbar noch ein neuer Termin vereinbart.[1] Der Generalsekretär des Bergarbeiterverbandes, Cook, und der Vertreter der Grubenbesitzer, Lee, versuchten im Anschluss an die Konferenz, der jeweiligen Gegenseite die Schuld an diesem negativen Verlauf zuzuschieben.[2] Cook sprach bereits von einem endgültigen Zusammenbruch der Gespräche.[1]
Der Kern des Konflikts dreht sich nicht allein um das Ausmaß der bevorstehenden Lohnherabsetzungen, sondern um die grundsätzliche Frage der Tarifgestaltung.[2] Die Bergarbeiter beanspruchen zwar keinen gleichmäßigen Schichtlohn für das gesamte Land, bestehen jedoch darauf, dass ein Mindestzuschlag zu den Vorkriegslöhnen durch ein nationales Abkommen festgelegt wird.[2] Nach dieser sogenannten ‚Prozentzahl‘ sollen sich die künftigen Löhne in allen Regionen richten.[2] Demgegenüber weigern sich die Zechenbesitzer entschieden, derartige nationale Mindestlohnsätze für das ganze Land anzuerkennen.[2] Sie sind lediglich bereit, gemeinsam mit dem Bergarbeiterverband allgemeine Grundsätze festzulegen, beharren aber auf bezirksweisen Lohnvereinbarungen.[1][2] Das Kernproblem des britischen Bergbaus besteht darin, dass es zunehmend schwieriger erscheint, den Arbeitern in den ärmeren oder schwerer abzubauenden, stark auf den Export angewiesenen Revieren ein Minimum zu sichern, das ihnen die Behauptung ihres Lebensstandards gestattet.[2]
Wider Erwarten legten die Unternehmer bei der gestrigen Konferenz ihre neu ausgearbeiteten Lohnsätze nicht im Detail vor.[1] Aus diesem Umstand wird in weiten Kreisen geschlossen, dass die geplanten drastischen Kürzungen geeignet sind, eine geschlossene Haltung der englischen Arbeiterschaft zugunsten der Bergleute hervorzurufen.[1] Nach Angaben der Badischen Presse sollen die Reduktionen in den meisten Distrikten einen bis drei Schilling pro Tag betragen, während bei den Akkordarbeitern in Südwales sogar Kürzungen von bis zu fünf Schilling und sechs Pence vorgesehen sind.[3] Ein Mitglied der Bergarbeiterexekutive erklärte angesichts dieser Zahlen: „Gras wird an den Schachteingängen wachsen, ehe die britischen Bergarbeiter unter solchen Bedingungen an die Arbeit zurückkehren.“[3]
Die Bergwerksbesitzer kündigten unterdessen an, sie würden die neuen Lohntarife, zu denen die Bergleute nach dem 1. Mai arbeiten könnten, nunmehr direkt an den Grubeneingängen anschlagen.[2] Dies bedeutet, dass den Arbeitern ausschließlich die Unterwerfung unter die festgesetzten Bedingungen bliebe.[1] Eine solche Entwicklung hätte den Stillstand der Förderung in allen britischen Kohlenrevieren zur Folge.[1] Angesichts dieser für die britische Wirtschaft äußerst bedrohlichen Aussichten schaltete sich der Industrieausschuss des Gewerkschaftskongresses ein und beriet am gestrigen Abend mit den Arbeitervertretern.[1][3] Anschließend wandte sich die Delegation an Premierminister Baldwin mit der Bitte, eine weitere Konferenz unter seinem Vorsitz zu arrangieren.[3] Baldwin entsprach diesem Ersuchen und lud die Vertreter beider Parteien für den heutigen Vormittag in das Arbeitsministerium ein.[1][3] Dass die Regierung jedoch kaum noch finanzielle Möglichkeiten besitzt, verdeutlichte Lord Birkenhead nach einer Kabinettssitzung.[3] Er betonte, das Kabinett habe nach der Annahme des Kohlenkommissionsberichts und den bereits geleisteten vorübergehenden Subventionen nichts mehr anzubieten als guten Rat.[3]
Die fundamentale Krise des britischen Kohlenmarktes wird allerdings nicht nur durch innere Spannungen verursacht, sondern auch durch eine außergewöhnlich starke internationale Konkurrenz verschärft.[1] Wie der Manchester Guardian ausführt, droht die größte Gefahr für den englischen Export inzwischen nicht mehr aus Deutschland, sondern aus Polen und Frankreich.[1] Polen, das über erhebliche Teile des schlesischen Reviers verfügt, leidet an einem massiven Kohlenüberschuss, seit Deutschland im vergangenen Jahr die Einfuhr gesperrt hat.[1] Nun veräußert die polnische Regierung ihre Kohle über Danzig und Gdingen weit unter den Herstellungskosten auf dem Weltmarkt und beliefert unter anderem Italien, das zuvor ein fester Abnehmer Englands gewesen ist.[1] Zugleich profitiert Frankreich von deutschen Reparationslieferungen und den Erträgen der Saarbergwerke. Die französische Förderung übersteigt inzwischen die Vorkriegszahlen, sodass das Land zu einem bedeutenden Exporteur aufgestiegen ist.[1]
Die Erschütterungen im Kohlenbergbau zeigen derweil auch Wirkungen in anderen Teilen der Welt.[1] Aus dem australischen Sydney wird gemeldet, dass die Lokomotivführer in den Bergwerken von Neusüdwales, Victoria und Tasmanien ein Ultimatum an die Besitzer gerichtet haben.[1] Sollten ihre Forderungen nach höheren Löhnen nicht erfüllt werden, wird ein sofortiger Streik angekündigt. Dieser könnte auf einen Schlag 30.000 Bergarbeiter in Übersee zur Niederlegung der Arbeit zwingen.[1]