An der altehrwürdigen Comédie Française kam es bei der Aufführung des Stückes „La Carcasse“ zu einem schweren Theaterskandal.[1] Im Mittelpunkt der Komödie steht ein französischer General, dem im Stück eine moralisch höchst bedenkliche Rolle zugeschrieben wird.[1] Während die ersten Aufführungen noch ruhig verliefen, brach in der ersten Abonnementsvorstellung mit Beginn des zweiten Aktes ein ungeheurer Tumult aus.[1] Nach Angaben der Neuen Freien Presse pfiff und schrie das Publikum, verlangte lautstark den Abbruch der Vorstellung und gab demonstrative Hochrufe auf die Armee von sich.[1] Schließlich trat der Hauptdarsteller Féraudy an die Rampe und erklärte, er stamme selbst aus einer Offiziersfamilie und könne in dem Werk nichts finden, was die Armee beleidige.[1] Dennoch haben die Autoren angesichts der Vorfälle beschlossen, das Stück zurückzuziehen.[1]

Der Zwischenfall fand sogleich sein Echo in der französischen Kammer, wo bei der Beratung des Kultusbudgets heftige Auseinandersetzungen entbrannten.[2] Der Abgeordnete Desjardins forderte eine Kürzung der Theatersubvention als Sanktion und verurteilte das Stück als Angriff auf die Würde der französischen Familie.[2] Wie der Figaro berichtet, kritisierte Desjardins insbesondere, dass ausgerechnet in der Figur eines Generals ein abscheulicher Egoismus dargestellt werde.[2] Unterrichtsminister Lamoureux verteidigte die Annahme des Stückes durch den Leseausschuss und gab an, die Aufregung nicht zu verstehen.[1] Der frühere Minister Delbos bemühte sich, die Situation zu entschärfen, indem er darauf hinwies, es handle sich bei der Figur lediglich um einen General des Bekleidungswesens, der ohnehin bei Kriegsbeginn abberufen worden sei. Diese Bemerkung sorgte im Haus für allgemeine Heiterkeit.[2]

Die Debatte führte jedoch zu lautem Lärm auf der rechten Seite des Parlaments.[1] Kammerpräsident Herriot gelang es nur mit Mühe, die Ruhe wiederherzustellen und drohende Tätlichkeiten zwischen Kommunisten und rechten Abgeordneten durch den raschen Einsatz von Saaldienern zu verhindern.[1]