Kalkutta, 26. April. Die indische Metropole kommt nicht zur Ruhe. Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung meldet, dauern die blutigen Zusammenstöße zwischen Hindus und Mohammedanern unvermindert an.[1] Anhaltende Straßenschlachten beherrschen das Stadtbild, die wiederholt erst durch scharfe Salven der Polizei beendet werden konnten.[1][2] Den neuesten Meldungen zufolge beläuft sich die Zahl der Opfer inzwischen auf 23 Tote und über 200 Verletzte.[2][3] Allein am heutigen Tag mussten 30 Personen in Spitäler eingeliefert werden. Neun von ihnen wiesen schwere Schusswunden auf.[2]

Die Vorfälle nahmen an Schärfe zu, als Hindus eine mohammedanische Begräbnisgesellschaft auf dem Weg zum Friedhof angriffen. Dabei wurden drei Trauergäste niedergeschossen.[2][3] Kurz darauf führte die Messerattacke eines Moslems auf einen Hindu zu einer erneuten Massenschlägerei.[3] Auch das Vorgehen der europäischen Beamten zeugt von der wachsenden Erbitterung: Die Polizeisergeanten Macleod und Bonnard sahen sich einem gefährlichen Steinhagel ausgesetzt, nachdem Macleod versucht hatte, eine Trommel der Aufrührer zu zerschlagen. Daraufhin musste er die Menge mit gezogener Waffe zerstreuen.[3]

Unterdessen ist das Geschäftsleben in Kalkutta völlig zum Stillstand gekommen.[1][2] Die einheimischen Stadtviertel bieten ein verlassenes und düsteres Bild, während Panzerwagen die Straßen ununterbrochen patrouillieren.[2][3] Aus Angst vor weiteren Übergriffen flüchten zahlreiche wohlhabende Familien aus den südlichen Stadtteilen. Dies führt zu einer massiven Überfüllung der Eisenbahnzüge.[1] Selbst im Europäerviertel — einer bislang sicheren Zone — sind bereits Gewalttaten zu verzeichnen.[1]

Nach Berichten des Hong Kong Telegraph verlangt die lokale Europäer-Vereinigung die Heranziehung weiterer europäischer Polizisten, da das bisherige Personal nach wochenlanger Anspannung erschöpft sei.[2] Zudem wird eine Voreingenommenheit der mehrheitlich hinduistischen indischen Sicherheitskräfte vermutet.[2] Die Marwari-Handelskammer hat den Gouverneur auf das vollständige Erliegen des Handels hingewiesen und fordert umgehende Maßnahmen.[2] Da die Feindseligkeit der Menge gegen die Exekutive täglich zunimmt, halten maßgebliche englische Kreise die rasche Heranziehung von Militär nunmehr für erforderlich.[1]