Der erbitterte Machtkampf in der regierenden Radikalen Partei Jugoslawiens hat eine dramatische Zuspitzung erfahren. Der Hauptausschuss der Partei fällte in seiner gestrigen Nachmittagssitzung die abschließende Entscheidung im schweren Konflikt zwischen dem ersten und zweiten Parteiführer, Nikola Paschitsch (Nikola Pašić) und Ljuba Jowanowitsch (Ljuba Jovanović). Wie das Berliner Tageblatt meldet, wurde nach einer ausgedehnten und überaus hitzigen Debatte der Antrag Paschitschs angenommen, der den Ausschluss seines engsten Rivalen aus der Partei unmissverständlich forderte.[1] Einer offiziösen Parteimitteilung zufolge stimmten 47 von 71 Ausschussmitgliedern für die Vorlage, die sich auf schwere persönliche Anklagen des Ministerpräsidenten stützte.[1] Gegen dieses von Paschitsch selbst verkündete Abstimmungsergebnis traten Jowanowitsch und sein Anhang jedoch unmittelbar und heftig auf. Sie behaupteten lautstark, das Resultat sei falsch. Paschitsch wies dies in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Hauptausschusses sogleich kategorisch zurück.[1]
Dem eigentlichen Ausschluss war eine umfassende, zweistündige Rede des Regierungschefs vorausgegangen. Nach Berichten der Wiener Zeitung bot Paschitsch den Delegierten darin zunächst eine historische Einordnung des Übereinkommens zwischen den Radikalen und der Raditsch-Partei (Kroatische Bauernpartei).[2] Er verwies auf die erheblichen Schwierigkeiten, welche die Erzielung der erwarteten politischen Ergebnisse immer wieder verhindert hatten. Letztlich führte dies zum unvermeidlichen Bruch der Koalition.[2] Der Ministerpräsident betonte vor den Abgeordneten mit Nachdruck, dass es für die radikale Partei zwingend notwendig sei, bedingungslos auf dem Boden der nationalen Einheit zu verharren und den Kampf gegen jeden versteckten Föderalismus unerbittlich weiterzuführen.[2]
Besondere Brisanz erhielt die Auseinandersetzung durch die anschließende Behandlung außenpolitischer und historischer Streitfragen. Paschitsch wandte sich scharf gegen die Behauptungen, die jüngst in einem von Jowanowitsch verfassten Zeitungsartikel aufgestellt worden waren.[2] In dieser stark beachteten Publikation hatte Jowanowitsch seinem Parteichef eine Äußerung zugeschrieben. Demnach soll Paschitsch bereits im Jahr 1914 von den geheimen Vorbereitungen zu dem verhängnisvollen Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo Kenntnis gehabt haben.[2] Paschitsch wies diese Darstellung, die er als einen unverzeihlichen Fehler bezeichnete, in seiner Rede aufs Schärfste zurück.[2] Er erklärte vor dem Gremium, er habe damals im Gegenteil die Mitglieder der nationalen Organisation Narodna Odbrana ausdrücklich aufgefordert, jede Provokation gegen Österreich zu unterlassen. Ziel sei es gewesen, die drohende Kriegsgefahr abzuwenden.[2] Zur weiteren Untermauerung seiner Anklage verlas Paschitsch sodann einen von Jowanowitsch an dalmatinische Parteifreunde gerichteten Brief.[2] Dieses Schreiben, das äußerst feindselig war, tadelte die Haltung Paschitschs schwer. Aus diesem Grunde, so folgerte der alte Parteiführer, könne Jowanowitsch unmöglich länger in den Reihen der Partei verbleiben.[2]
Trotz der deutlichen numerischen Mehrheit im Hauptausschuss erscheint der Sieg des Premierministers keineswegs makellos oder unangefochten. Wie aus Belgrad weiter berichtet wird, offenbarte das Votum tiefe und bedenkliche Risse, die bis in die Regierung reichen.[1] Von den amtierenden Mitgliedern des Kabinetts stimmten überraschenderweise lediglich zwei — der Gesundheitsminister Slawko Miletitsch (Slavko Miletić) und der Justizminister Dzuritschitsch (Đuričić) — für den Ausschluss Jowanowitschs.[1] Somit ist der langjährige Kampf zwischen den beiden Parteirivalen zwar formal durch diese Maßnahme beendet. Die parteiinternen Spannungen werden jedoch dem jugoslawischen Staat aller Voraussicht nach noch lange erhalten bleiben.[1]