Die in Genf tagende Vorbereitungskommission für die vom Völkerbund geplante Weltwirtschaftskonferenz hat unter dem Vorsitz des belgischen Ex-Premiers Theunis ihre allgemeinen Aussprachen fortgesetzt.[1] Wie das Helsingin Sanomat meldet, sind rund vierzig Sachverständige aus aller Welt am Genfer See eingetroffen, um Mittel und Wege zur Bekämpfung der internationalen Wirtschaftskrise zu beraten.[2]
Das größte Interesse der Delegierten zog die mit Spannung erwartete Rede des deutschen Staatssekretärs Trendelenburg auf sich.[3] Nach Angaben der Kölnischen Zeitung stellte der deutsche Sachverständige fest, dass über die Ursachen der weltweiten Krise kaum mehr Meinungsverschiedenheiten herrschten: Diese seien in einer Überindustrialisierung bei gleichzeitig gesunkener Kaufkraft der Völker zu suchen.[3][4] Eine bloße Drosselung der Industrie lehnte Trendelenburg jedoch ab.[4] Vielmehr müsse die Produktion durch Rationalisierung und internationale Arbeitsteilung verbilligt werden.[3] Als zentrale Forderung erhob er die Wiederherstellung eines einheitlichen Weltmarktes, in den neben Afrika und China auch unbedingt Sowjetrussland einbezogen werden müsse.[5] Dies setze einen Abbau des wirtschaftlichen Nationalismus voraus, der sich derzeit in Zollbarrieren und einer ausufernden Subventionspolitik äußere.[3] Trendelenburg regte eine Vereinheitlichung der Zolltarife sowie der statistischen Grundlagen an.[4][6] Die schwierige Währungsfrage solle nach deutscher Auffassung nicht erneut aufgerollt werden; eine Rückbesinnung auf die Beschlüsse der Brüsseler Finanzkonferenz von 1920 genüge hier.[5][6]
Die weitreichenden Vorschläge Trendelenburgs stießen auf ein geteiltes Echo. Die nationalen Interessengegensätze traten dabei deutlich hervor. Aus der Berichterstattung der Badischen Presse geht hervor, dass sich die deutsche Auffassung in der Frage privater internationaler Industrieverständigungen zum Teil mit der französischen Position deckt. Dies weckt auf englischer Seite erhebliches Misstrauen.[6] Der französische Vertreter Serruys hatte zuvor nachdrücklich den Abschluss von Übereinkommen zwischen den Industrien verschiedener Staaten gefordert, um eine Zusammenarbeit wie in der Vorkriegszeit zu schaffen.[1] Dagegen drängte der Engländer Layton, Herausgeber des Economist, auf eine systematische Arbeitsweise. Er schlug die Einsetzung dreier Unterausschüsse vor, die sich getrennt mit Zollfragen, Produktionsfragen und Arbeitsbedingungen befassen sollen.[5][4][6] Dem widersprach der Franzose Peyerimhoff in lebhafter Polemik: Langwierige Expertenstudien seien nicht zielführend; vielmehr bedürfe es rasch verwirklichbarer Sanierungsvorschläge.[4]
Auch andere Abgesandte meldeten Vorbehalte und eigene Schwerpunkte an. Der amerikanische Delegierte Young warnte eindringlich vor vermeintlichen Allheilmitteln und verlangte eine Beschränkung auf praktisch durchführbare Maßnahmen.[1] Der belgische Vertreter Pauwls forderte, dass die Marktverhältnisse für Steinkohle, Eisen, Textilien und Lebensmittel besonders gründlich untersucht werden müssten.[5] Der italienische Delegierte Stefani machte nationale Reserven geltend und verwies darauf, dass für ein überbevölkertes Land wie Italien internationale Wirtschaftsregelungen gefährlich seien, solange die Hemmnisse für Auswanderung nicht beseitigt würden.[6] Der Schweizer Bankpräsident Dubois bezeichnete internationale Abmachungen als illusorisch, solange nicht in allen Ländern Währungsstabilität herrsche.[6] Für die Interessen der Konsumenten und der Arbeiterschaft traten nach Vorwärts-Angaben der Engländer Shaw, der Schwede Anders Örne und die Wienerin Freundlich ein. Diese plädierten entschieden für Freihandel.[4]
Während die Sachverständigen weiter debattieren, wächst die Kritik an den Methoden der Kommission. Die Beratungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.[4] Da die Delegierten jedoch den vor den Saaltüren wartenden Journalisten ohnehin den wesentlichen Inhalt der Reden mitteilen, erweist sich diese Geheimhaltung als wirkungslos.[4] Dem Vorwärts zufolge wäre es würdevoller, die Beratungen öffentlich abzuhalten.[4] Eine Besserung ist vorerst nicht in Sicht. Nur wenn es gelingt, den verschiedenen Kommissionen bestimmt abgegrenzte Aufgaben zuzuweisen und klare Richtlinien mitzugeben, ist ein Teilerfolg dieser Tagung möglich.[6]